DGB-Vorsitzender: Die verkannte Region


Heinz Rittermeier ist Vorsitzender des DGB im Münsterland. Foto: bn
Heinz Rittermeier ist Vorsitzender des DGB im Münsterland. Foto: bn


Münster - Heinz Rittermeier war 20 Jahre lang Regionsvorsitzender des DGB in Arnsberg. Als sein Bezirk aufgelöst wurde, kam er vor einem Jahr nach Münster. Der 60-Jährige wurde in Bochum geboren und lebt dort auch. Als DGB-Regionsvorsitzender des Münsterlandes vertritt er Arbeitnehmerinteressen in den vier Kreisen der Region und der Stadt Münster. Mit ihm sprach WN-Redakteur Günter Benning.

Wie haben Sie sich als Bochumer im Münsterland eingelebt?



Rittermeier: Gut, aber mein Vater hatte auch 20 Jahre lang ein Wohnmobil in Gescher. Im Übrigen arbeite ich seit 25 Jahren in ländlichen Regionen. Die Bochumer und die Münsterländer sind westfälisch grundgefärbt - damit komm´ ich klar.

Unterschätzt man von außen die Größe des produzierenden Gewerbes im Münsterland?

Rittermeier: Als ich herkam, war ich erstaunt, dass das Münsterland mit Pferden, Radfahrern, Landwirtschaft und Tourismus gleichgesetzt wird. Dabei ist es ein Kraftpaket an Produktion und Industrie. Ich hatte schon in meiner Lehre als Industriekaufmann bei Krupp viel mit münsterländischen Firmen zu tun. Das waren Mittelständler, die keine Massenwaren, sondern Sonderanfertigungen und Einzelstücke herstellten - mit einer sehr qualifizierten Arbeitnehmerschaft.

Ist das in Zeiten von Krisen ein Plus?

Rittermeier: Ja. Das Münsterland ist wirtschaftlich ein Tausendfüßler. Es gibt hier viele kleinere Unternehmer, die wissen, wer ein Mondscheinbauer ist und bei wem die Mutter krank ist. Die kennen ihre Produkte und ihre Kunden. Die sind bei der Umstrukturierung wesentlich schneller als Konzerne, weil sie keinen Wasserkopf haben. Und - die verantworten alles selbst. Wenn sie pleitegehen, verlieren sie alles. Während Manager in Großkonzernen eine Abfindung bekommen und lustig weiterleben.

Also leben wir in einer verkannten Region?

Rittermeier: Wir haben ein ganz falsches Bild von Nordrhein-Westfalen. Wir halten das Ruhrgebiet für industriell, sehen rundherum ländliche Gebiete. Dem ist nicht mehr so. Das Ruhrgebiet ist de-industrialisiert. Dort arbeiten nur noch 19 Prozent der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe. Im Münsterland sind es 33,1 Prozent. Hier ist die Industrieregion. Ich vergleiche mal Münster mit Dortmund - hier arbeiten 14 Prozent, in Dortmund 13 Prozent im produzierenden Gewerbe. Münster hat aufgeholt. Das weiß nur kaum einer. Da sollte sich auch die Politik drauf einstellen. Es wird eine falsche Strukturpolitik gemacht. Wir brauchen die Industriearbeitsplätze - gerade in unserer Region - und die passende Bildungsstruktur mit Fachhochschulen und Universitäten.Bei Industrie denkt man noch immer an Qualm und Rauch. Da ändert sich das Bild.

Rittermeier: Früher war ein guter Industriebetrieb der, wo das Öl drei Zentimeter auf dem Boden stand. Heute sind fast alle Industriebetriebe interessiert, helle Hallen zu haben, von den Böden können sie fast essen. Damit wirbt man. Natürlich haben wir - zum Beispiel in Gießereien - noch schmutzige Arbeit. Aber die meisten sind CAD-gesteuert. Die Belastung der Menschen wandelt sich von der körperlichen zur psychischen Seite hin.

Der DGB hat Mitgliederprobleme. Sie selber sind wegen einer Strukturreform nach Münster gekommen. Wie sieht es mit den Gewerkschaften aus?

Rittermeier: Bundesweit haben wir Probleme. Aber in NRW sind ein Viertel aller Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe organisiert. Im Münsterland 115000. Da sind wir auch gewerkschaftlich eine Schwerpunkt-Region. Hier sind wir traditionell stark - früher gab es in der Textilindustrie stark christlich orientierte Gewerkschaften. Die jahrhundertealte Tradition trägt heute noch.

Wir erleben heute den Wandel hin zu immer mehr Leiharbeitern und befristeten Jobs. Die dürften gewerkschaftlich wenig organisiert sein?

Rittermeier: Das ist ein großes Problem. Leiharbeit gab es früher für Produktionsspitzen. Heute werden zum Teil Fachkräfte durch Leiharbeiter ersetzt, die 30 bis 40 Prozent weniger bekommen als Stammkräfte. Das ist sehr schlecht. Wir wollen davon weg. Alles klagt, dass die Deutschen zu wenig Kinder bekommen, aber wenn 40 Prozent der jungen Leute bis 25 Jahren Leiharbeitsjobs oder befristete Stellen haben, nicht wissen, wo sie nächstes Jahr arbeiten - dann setzen sie keine Kinder in die Welt. Unternehmen, die kurzfristig auf die Kosten schauen, arbeiten nicht nachhaltig. Im Münsterland haben wir spezialisierte Betriebe, die brauchen qualifizierte Mitarbeiter. Und die muss man pflegen, fortbilden und anständig bezahlen.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit den Arbeitgeberverbänden?

Rittermeier: Natürlich vertreten wir verschiedene Interessen, aber die Zeiten, wo Gewerkschaften und Arbeitgeber wie zwei rostige Dampflokomotiven aufeinander zufuhren, bis es krachte, sind vorbei. Wir sollten uns um Schnittmengen kümmern und sie in einer zivilisierten Streitkultur aushandeln.

Die Krise ist scheinbar ausgestanden, welchen Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Rittermeier: Die Arbeitnehmer hängen an ihren Arbeitsplätzen. Sie haben Kurzarbeit gefahren, erhebliche finanzielle Einbußen in Kauf genommen. Jetzt fordern wir, dass Arbeitnehmer an den Gewinnen erheblich beteiligt werden. Wir werden hohe Lohnforderungen stellen - unsere Mitglieder sagen, jetzt wollen wir erst mal wieder Geld sehen. Aber mir ist ganz wichtig: Wenn ich hohe Löhne haben will, brauche ich auch Unternehmer, die viel Geld verdienen. Sonst funktioniert das nicht.



05 · 09 · 10





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