Neuer Vorsitzender des Marketing-Beirates: Prof. Dr. Klaus Niederdrenk. (Foto:kb)
Münster - Münster. Der Beirat Münster-Marketing, eingerichtet vor knapp zehn Jahren vom früheren Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann, ist ein sehr einflussreiches Gremium. Jetzt gab es einen Wechsel an der Spitze. Prof. Dr. Klaus Niederdrenk, langjähriger Rektor der Fachhochschule Münster, löste den „Vater des Marketings“, Prof. Dr. Heribert Meffert ab. Mit Niederdrenk sprach WN-Redakteur Klaus Baumeister.
Herr Prof. Niederdrenk, Münster definiert sich selbst als „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“. Jetzt aber wurde zum zweiten Mal ein Hochschul-Professor zum Vorsitzenden des Beirats Münster-Marketing gewählt. Dominiert also die Wissenschaft?
Niederdrenk: Keinesfalls. Der Vorsitz im Beirat ist mit einer Moderatoren-Funktion verbunden. Der 22-köpfige Beirat repräsentiert in einer sehr guten Mischung all die Kräfte, die Münster voranbringen können. Die Wissenschaftler dominieren dabei nicht. Wir haben uns auch vorgenommen, in der nächsten Zeit den Schwerpunkt „Lebensart“ in den Mittelpunkt zu stellen und mit Inhalt zu füllen.
Funktioniert Wissenschaft überhaupt ohne Lebensart - oder brauchen Hochschulen ein kulturell-kreatives Umfeld?
Niederdrenk: Ein kulturell-kreatives Umfeld ist ganz wichtig als Inspiration und als Ausgleich. Gerade wenn es darum geht, qualifizierte junge Wissenschaftler, die viel zitierten „klugen Köpfe“, an den Standort zu binden, spielt das Umfeld eine zentrale Rolle. Wissenschaftliche Aspekte allein geben höchst selten den Ausschlag.
Hat Münster die richtige Größe, um bei den „klugen Köpfen“ punkten zu können?
Niederdrenk: Ja und nein. Nehmen wir als Vergleich Regionen wie Berlin, Dresden oder München. Dort trifft man auf eine Dichte an Forschungseinrichtungen und einen Grad der Vernetzung, bei dem Münster nicht mithalten kann. Wissenschaftler jedoch, die die mit Qualifizierungsstufen verbundene „Mobilitätsphase“ bereits hinter sich haben, suchen häufig ein überschaubares Umfeld, das auch ihren Familien etwas bietet. Für sie ist Münster sehr interessant und lebenswert.
Als Mitglied des Wissenschaftsrates besuchen Sie regelmäßig andere Hochschulstädte. Welche Rolle spielt Münster im Landesvergleich?
Niederdrenk: Münster verfügt bereits über bundesweit wahrgenommene Leuchttürme. Was beispielsweise die Stammzellforschung betrifft, gehört Münster sogar weltweit zu den drei führenden Standorten. Was mir im Vergleich zu anderen Hochschulstädten an Münster besonders auffällt, ist die aufkommende Verbindung zwischen der Stadtgesellschaft und den Hochschulen. Wenn man in Münster beispielsweise aus wissenschaftlichem Anlass öffentlich zusammenkommt, dann trifft man auch Honoratioren der Stadt. Das ist in anderen Städten längst nicht so.Sind sich die Münsteraner dessen bewusst, dass Hochschulen ein Pfund sind, mit dem man wuchern kann?
Niederdrenk: Ich glaube schon. In den letzten Jahren hat sich auf diesem Gebiet, angetrieben durch den Integrierten Stadtmarketing-Prozess, viel zum Positiven verändert, sodass wir als Beirat Münster-Marketing nun dazu übergehen wollen, genauer zu analysieren, welche unverwechselbare und profilgebende Lebensart sich zusammen mit einem prosperierenden wirtschaftlichen Umfeld daraus ableiten lässt.
Das alles hört sich an, als gäbe es kaum Probleme.
Niederdrenk: Vorsicht. Die wechselseitige Nähe von Stadtgesellschaft, Wirtschaft und Hochschulen korrespondiert mit einer wechselseitigen Abhängigkeit. Bestimmte Veränderungsprozesse müssen in Münster genauer beobachtet werden, weil sie hier auch stärker durchschlagen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Niederdrenk: Durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge verkürzt sich die Verweildauer der Studierenden an einem Studienort deutlich. Der Bologna-Prozess sieht vor, dass die Studierenden unterschiedliche Hochschulen besuchen, auch im Ausland. Früher blieben Studenten häufig fünf bis sieben Jahre in Münster, bei Promotionen noch länger. Das ist vorbei.
Wo liegt das Risiko?
Niederdrenk: Münster hat in der Vergangenheit immer stark davon profitiert, dass junge Menschen während ihrer Studienzeit einen Bezug zu der Stadt aufbauten. Viele Absolventen standen dem Arbeitsmarkt in Münster und im Münsterland zur Verfügung. Das hat die Region stark gemacht. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass dies auch unter den veränderten Bedingungen so bleibt. Hier sehe ich eine große Aufgabe. Erforderlich sind eine Lebensart und ein wirtschaftliches und kulturelles Gepräge, die junge Menschen ansprechen.
Was heißt das konkret?
Niederdrenk: Wir müssen beispielsweise stärker als bisher neue wissenschaftliche Ergebnisse kommunizieren, und zwar über die Hochschulen und Forschungsinstitutionen hinaus. Wenn Studierende und junge Wissenschaftler für ihre Arbeit ein Feedback aus der Wirtschaft oder der Öffentlichkeit erhalten, motiviert das ungemein und schafft Vertrauen.