Blick nach Kairo mit einer Mischung aus Freude und Sorge
Die ägyptische Revolution ging von den Versammlungen auf dem Tahrir-Platz aus: Vor allem junge Ägypter zeigten dem Despoten Mubarak, dass seine Zeit abgelaufen war.Foto: (dapd)
Warendorf - Für Ina El Kobbia ist der Fernseher seit einigen Wochen ein besonders wichtiges Möbelstück: Sie konzentriert sich zwar voll auf ihren Job, aber die Gedanken sind bei Familie und Freunden in ihrer Heimat Ägypten. Ina El Kobbia ist seit Juli 2010 Geschäftsführerin des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten in Warendorf.
Während die westliche Welt von den Protesten Ende Januar in Ägypten überrascht und überrumpelt wurde, beobachtete El Kobbia, wie die Ägypter vor Ort, die wachsende Unzufriedenheit. „Präsident Mubarak, der dreißig Jahre die Fäden im wichtigsten arabischen Land zog, genoss zu Beginn seiner Amtszeit einen guten Ruf “, erinnert sich die Juristin: „Er stand wegen seiner wirtschaftlichen Reformen und der Öffnung Ägyptens lange Zeit für Stabilität.“
Doch die Stimmung verdüsterte sich zunehmend in den letzten zehn Jahren, vor allem durch den ausgesprochen korrupten Führungsstil. Immer wieder wurden Oppositionelle unterdrückt. Kritische Stimmen von Menschenrechtsorganisationen wurden lauter. „Spätestens als der alternde Diktator seinen Sohn auf die Nachfolge vorbereitete und damit einen dynastischen Staat anstrebte, wuchs die Unzufriedenheit ins Unermessliche“, fasst El Kobbia zusammen. Doch brauchte es noch die Revolution in Tunesien als Inspiration für den ersten Schritt.
Als die 42-jährige von den Protesten in Tunesien erfuhr, ahnte sie, dass der Aufstand weiter nach Ägypten ziehen könnte.
„Natürlich über Facebook“, beantwortet sie die Frage, wie sie von den ersten Demonstrationen erfuhr. „Ich wurde schon vor einigen Jahren von meinen ägyptischen Freunden zu Facebook eingeladen, lange bevor es in Deutschland an Popularität gewann.“
Als es dann am 25. Januar soweit war, überkam sie Angst: „Es gab immer schon Demonstrationen und kleine Proteste. Doch sie wurden brutal vom Regime zerschlagen. Ich war mir sicher, das würde auch jetzt passieren.“
Erst als sich die Proteste ausweiteten, wurde sie zuversichtlicher: „Die ersten Aufstände gingen von jungen Ägyptern aus dem Bildungsmilieu aus, doch mit jedem Protesttag wurde die Bewegung vielschichtiger, bis sogar stadtbekannte Millionäre auf dem Tahrir-Platz standen.“
Beeindruckt zeigt sich El Kobbia von der wachsenden Solidarität in der Bevölkerung, die die Demonstranten mit Lebensmitteln und Decken versorgte, damit sie die Stellung um jeden Preis halten konnten. Mit Freude verfolgte sie den euphorisch vorangetriebenen Wandel und lobt die Ereignisse als „zivilisierte Revolution“. Dennoch hielt ihre Sorge an. Freunde in Kairo berichten: „Die Regierung infiltrierte die Demonstranten, kolportierte Gerüchte, um Zwietracht zu säen und konterte die wachsenden Proteste mit harscher Gewalt. Es war ein laufender Kampf.“
Besonders schockierend empfand die Juristin den Gedanken, Mubarak in einem deutschen Krankenhaus als Patient aufzunehmen: „Das wäre eine Katastrophe gewesen. Für einen Rechtsstaat wie Deutschland ist es unhaltbar einem Diktator Unterschlupf zu gewähren. Es bestand schließlich kein medizinischer Notfall.“ Ebenso erstaunt wie enttäuscht ist sie von den westlichen Regierungen, die sich lange davor drückten, sich in diesem Konflikt zu positionieren.
An keinem Tag ließ sie ihr Heimatland aus den Augen und verfolgte die Geschehnisse speziell über den arabischen TV-Sender al-Dschasira. Dann wurde die langersehnte Forderung der Demonstranten erfüllt.
Als am 11. Februar am frühen Abend die ersten Meldungen über den Rücktritt Mubaraks bei Facebook gepostet wurden, reagierte El Kobbia ungläubig: „Ist er wirklich weg?“ Und auch leise Zweifel machten sich in dieser Unsicherheit breit: „Schaffen wir das ohne ihn?“
Jetzt steht für die Juristin die Hoffnung im Vordergrund. Eindringlich erklärt sie, was sie sich für ihre Heimat wünscht: „Eine säkulare Demokratie! Das bedeutet primär freie Wahlen, Rechtssicherheit und Gewaltenteilung. Dazu gehört eine unabhängige Justiz, um die Korruption im Land einzudämmen, aber auch Vergangenes aufzuarbeiten. Die Verfassungsfrage muss öffentlich diskutiert werden und nicht hinter verschlossenen Türen. Von einem demokratischen Staat hin zu einem Rechtsstaat ist es allerdings noch ein weiterer Weg.
Ina El Kobbia fliegt mindestens zweimal im Jahr zurück in ihre Heimat und hofft, dass ihre kleine Tochter ein demokratisches Ägypten mit freien Menschen kennen lernt, die Ihre enormen Potenziale frei ausleben und ausdrücken können.