Einsam vor dem PC


Jens Peters spielt den einsamen „Hikikomori“, der aus seinem Zimmer heraus nur noch über das Internet mit der Welt draußen kommuniziert. Er fühlt sich vom Leben überfordert. Foto:
Jens Peters spielt den einsamen „Hikikomori“, der aus seinem Zimmer heraus nur noch über das Internet mit der Welt draußen kommuniziert. Er fühlt sich vom Leben überfordert. Foto:
(Patrick Zurek)


Sendenhorst - Abgekapselt und isoliert sitzt er in seinem Zimmer vor dem Computer und spricht in seine Video-Kamera. Er stinkt und ist gänzlich ungepflegt. Kein Wunder: Er hat sein Zimmer seit mehreren Jahren nicht mehr verlassen Für den jungen Mann ist die Video-Kamera die einzige Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren, denn H. lehnt jeglichen Kontakt mit der Außenwelt ab.

Lediglich über Internet-Chat und mit seiner Video-Kamera führt der junge Mann eine virtuelle Kommunikation, ein virtuelles Leben. Der japanische Fachausdruck für diese selbst gewählte Isolation von Menschen heißt „Hikikomori“ und bezeichnet einen Jugendlichen, der sich in sein Zimmer einschließt und sich aus der Gesellschaft zurückzieht. In Japan wird geschätzt, dass über eine Million „Hikikomori“, meist junge Männer, isoliert von der Gesellschaft leben.


Mit dem gleichnamigen Stück „Hikikomori“ von Holger Schober und inszeniert von Christian Tietz feierte das „Sendenhorster Ensemble“ am Sonntagabend auf der Tenne des Hauses Siekmann Premiere und machte mit einer beeindruckenden und sozialkritischen Inszenierung auf das gesellschaftliche Phänomen einer gefährlichen „Isolation des Cyberspaces“ aufmerksam.

Seit Jahren hat sich H. in seinem Zimmer verbarrikadiert. Waschen oder pflegen tut er sich nur sehr selten, und der Kontakt zu seiner Außenwelt, sogar zur eigenen Familie, ist auf ein Minimum reduziert.

Seine Mutter sieht er nur noch auf dem Bildschirm durch die Video-Kamera. „Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, in der Welt zu leben. Eines Tages war ich einfach hier, und da draußen gab es nicht mehr. Es war verschwunden, und ich habe nicht mehr danach gesucht. Ich habe alles, was ich brauche. Ich lebe in meinem Zimmer mit mir selbst und das ist schon einer zu viel“, so beschreibt der junge „Einsiedler“ sein tragisches Dilemma.

Er sieht keine Chance mehr auf ein normales Leben, keine Chance mehr auf eine normale Beziehung zu einem rothaarigen Mädchen, die er sich so sehr wünscht, denn zu oft wurde H. in seinem Leben, in der Schulzeit, verletzt und enttäuscht.

Von den hohen Erwartungen, die die Gesellschaft an ihn hat, ist er überfordert und hat sich von der leistungsorientierten Gesellschaft entfremdet.

Doch schließlich kommt der Einsiedler mit einem Mädchen namens „Rosebud“, während eines Internet-Chats in Kontakt. Es entwickelt sich eine Internet-Freundschaft, die sich aber nur in der virtuellen Welt abspielt. Plötzlich scheint sich aber ein Weg aus der Abschottung zu öffnen. Doch die Chance auf ein „normales“ Leben erweist sich schnell als illusorisch und unerfüllbar.

Irritiert lässt H., gespielt von Jens Peters, das Publikum, das sowohl aus Erwachsenen und Jugendlichen bestand, mit der Sinnfrage des Lebens zurück. „Hikikomori“, das Schicksal dieses jungen Menschen berührt dabei aber nicht nur die persönliche Ebene, sondern wirft zugleich die Frage nach der Gesellschaft und ihren grundlegenden Werten auf.

Mit dem sozialkritischen Stück bewies das Jugendtheater, wie nah Theater am Puls der Zeit bei Heranwachsenden sein kann und dass Theater auch für eine Computergeneration durchaus zeitgemäß ist. Hoch verdient gab es für die gelungene Inszenierung donnernden Applaus.

18. März wird erneut im Haus Siekmann gespielt.



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