Kreis Warendorf. Lebensnahe Vorschläge von Soziologen sind selten. Aber es geht auch anders. Den Beweis lieferte der Bremer Sozialwissenschaftler Meinhard Motzko. Er stellte gestern in Warendorf „Rahmenbedingungen für eine neue Sprach- und Leseförderung“ vor.
„Lehrer, die nicht mehr mit Büchern, sondern nur noch mit Kopien arbeiten, müssen sich nicht wundern, wenn ihre Schüler keinen Spaß an Büchern haben“, sagte Motzko. Dabei hätten Schulbücher viele Vorteile: Das Wichtigste werde oft in einem Kasten zusammengefasst. „Dieses Argument hat sogar meinen Sohn überzeugt“, plauderte Motzko aus dem Nähkästchen.
Seine unterhaltsame Rede hatte es in sich: In der Bildungspolitik vermisste Motzko vor allem Ziele. Das warf der Wissenschaftler auch dem Regionalen Bildungsbüro im Kreis vor. Dieses hat sich „die bestmögliche individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen“ auf die Fahne geschrieben. Aber was heißt das? Unter schlechten Umständen, dass es nicht geht.
Nein, wer nicht von Jahr zu Jahr Rückschau halten und immer wieder das Bildungselend bejammern wolle, der müsse die Perspektive wechseln und endlich nach vorne schauen. „Aber in Deutschland machen wir das nicht. Wenn wir nicht weiter wissen, ändern wir einfach die Lehrpläne.“
Der Erfolg der Bildung müsse an Ergebnissen und nicht an Methoden gemessen werden. „Wenn die Schüler nach der Grundschule rechnen, schreiben und lesen können, ist das Ziel erreicht. Auf welchem Weg die Lehrer dieses Ziel erreichen, ist egal. Man sollte ihnen aber nicht ständig dazwischen funken.“
Weil schon in einigen Jahren jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund habe, müsse man diese Kinder besser fördern. „Aber oft geschieht das Gegenteil. Lehrer und Ingenieure aus Kasachstan haben bei uns oft über Jahre als Putzfrauen gearbeitet, weil sie sonst keine Chance hatten.“ Inzwischen gebe es ein Rückkehrprogramm für deutsche Aussiedler. „Und viele kehren unserem Land den Rücken. Mit Blick auf Fachkräftemangel und Bevölkerungsrückgang werden uns diese Leute aber fehlen.“ Motzko forderte unter anderem, dass an den Schaltstellen der Gesellschaft mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingesetzt werden.
Die Infoveranstaltung zur Sprach- und Leseförderung wurde vom Regionalen Bildungsbüro zusammen mit den Stadtbibliotheken, dem Medienzentrum des Kreises sowie der Stadt Warendorf durchgeführt. Neben Erziehern, Lehrern auch Eltern waren auch viele Bibliothekare dabei. Für sie hatte Motzko noch einen ganz praktischen Rat. „Reden Sie mit ihren Bürgermeistern, damit die Bußgelder, die ihre Amtsgerichte festsetzen, auch den Bibliotheken zugute kommen.“
Dem Bildungsbüro empfahl Motzko, konkrete Ziele zu vereinbaren und zu überprüfen. So habe der Sprachtest bei den Vierjährigen ergeben, dass 19 Prozent dieser Kinder im Kreis Warendorf keine ausreichende Sprachkompetenz besitzen. „Vielleicht wäre es ein lohnendes Ziel, diese Quote im nächsten Jahr um zwei Prozent zu senken.“