Tante Emma auf Rädern: Viele Lebensmittelgeschäfte schließen / Neue Investoren wollen auf die grüne Wiese


Verkäuferin Petra Düthmann (l.) macht mit dem Verkaufswagen der Bäckerei Schwichtenhövel auch Station in Beckum-Vellern. Foto:
Verkäuferin Petra Düthmann (l.) macht mit dem Verkaufswagen der Bäckerei Schwichtenhövel auch Station in Beckum-Vellern. Foto:
(Kopmann)


Kreis Warendorf - Noch stimmt die Kasse - und genau deswegen macht Gregor Schwichtenhövel auch weiter. Schon seit 40 Jahren betreibt der Bäcker mehrere Verkaufswagen, die in Neubeckum, Vellern, Oelde und Ennigerloh die Ware zum Kunden bringen.

Diesen Service würden sich wohl viele Menschen in anderen Dörfern des Kreises Warendorf wünschen - etwa die Bürger im Warendorfer Ortsteil Milte. Dort wurden im vergangenen Jahr erst der Tante-Emma-Laden dicht gemacht und danach der Schlecker-Markt geschlossen. Ältere Menschen, die nicht mobil sind, müssen daher auf die Unterstützung durch Nachbarn und Verwandte hoffen.


Allerdings scheint der Leidensdruck noch nicht groß genug zu sein. Beispiel: Im vergangenen Jahr machte Edeka-Markt-Betreiber Jörg Aerdker aus Einen den Milter Bürgern das Angebot, für den Fixpreis von fünf Euro (Hin- und Rückfahrt) ein Taxi zum Einkaufen in seinem Markt zu schicken. Resonanz? Die Bürger lehnten den Service ab - zu teuer.

Laut Warendorfs Wirtschaftsförderer Thorsten Krumme haben viele kleine Ortsteile Probleme, weil sich ein Markt vor Ort erst lohnen soll, wenn das Dorf mindestens 2000 bis 2500 Einwohner hat. Ferner werde eine Verkaufsfläche von mindestens 500 bis 600 Quadratmetern benötigt. Dann - dies hätte ein Großhändler bestätigt - soll sich ein kleines Vollsortiment bereits lohnen.

Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis hat beispielsweise die Gemeinde Everswinkel echte Probleme, einen neuen Betreiber für den Netto-Markt zu finden. Das zentral gelegene Geschäft steht seit einem Jahr leer, obwohl es eine Verkaufsfläche von 600 Quadratmetern hat. „Mögliche Investoren pochen auf 800 bis 900 Quadratmeter - am besten sogar über 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Sie wollen was Neues, was Großes und das am Ortsrand“, erläutert Norbert Reher von der Gemeindeverwaltung. Everswinkel habe die BBE Handelsberatung in Münster beauftragt, eine Haushaltsbefragung durchzuführen, um den Einkaufsbedarf genau zu analysieren.

Aus Sicht von Karin Eksen vom Einzelhandelsverband Münsterland hat das Thema Nahversorgung deutlich an Bedeutung gewonnen. Eksen rechnet damit, dass langfristig der Liefer-Service zuniehmen wird. „Das Internet wird künftig auch für Ältere keine Hemmschwelle mehr sein.“

Eben weil der Markt sich so stark verändert, bezweifelt Gregor Schwichtenhövel, dass seine „Tante-Emma-Läden-auf Rädern“ auch in 20 Jahren noch genug Geld abwerfen, damit man davon leben kann. Trotz des demografischen Wandels glaubt er nicht, dass die rollenden Läden eine große Zukunft haben. „Das ist ein Relikt aus alten Zeiten. Früher hat es viel mehr Verkaufswagen gegeben.“ Doch noch lohne der Aufwand.

» Der 1. öffentliche NRW-Nahversorgungstag findet am 14. Februar ab 13.30 Uhr im Dortmunder Rathaus statt.

VON BEATE KOPMANN, WARENDORF


08 · 02 · 12



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