Abwechslungsreiche Aufgüsse


Mit vielen neuen Gesichtern präsentierten sich die Blau-Weißen Funken bei der MGV-/BSHV-Karnevals-Parade so charmant, so spritzig und so hinreißend wie selten zuvor - ein echter Hingucker.Foto:
Mit vielen neuen Gesichtern präsentierten sich die Blau-Weißen Funken bei der MGV-/BSHV-Karnevals-Parade so charmant, so spritzig und so hinreißend wie selten zuvor - ein echter Hingucker.Foto:
(Meyer)


Everswinkel - Eisige Kälte in Deutschland. Was kann man da tun? Sich warm anziehen, mit etwas Hochprozentigem den Körper aufheizen, viel Bewegung, in die Sauna gehen . . . die Frage nach dem Patentrezept zur wirkungsvollen Erwärmung in diesen lausig kalten Tagen ist am Samstagabend beantwortet worden: Man geht zur BSHV-/MGV-Karnevalsparade, und schon ist ein heißer Abend mit diversen abwechslungsreichen Aufgüssen garantiert. Von Minus 10 Grad auf gefühlte 30 Grad plus binnen weniger Minuten - das klappt wohl nur bei den Karnevalisten. Beim BSHV und MGV heißt das „Betriebstemperatur“. Die Jecken in der voll besetzten Festhalle erlebten wohl das beste närrische Gesamtpaket seit Jahren mit einer mehr als gelungenen Mischung aus heimischen Talenten und grandiosen Gästen - sehr zur Freude von Präsident Barthold Deiters und seines Elferrates.

Es zahlt sich aus, wenn man ein wenig mehr bei der Verpflichtung auswärtiger Bühnen-Stars auf den Tisch legt - das zeigte sich bei den beiden Bütt- und Show-Stars aus Mainz und Hamburg. Der Auftakt gehörte am Samstag mit dem Einmarsch zunächst dem Blasorchester Everswinkel sowie den beiden Gesangssolisten Sebastian Seidel und Fabian Hestermann, die mitreißend dazu aufforderten, „Schenk mir Dein ganzes Herz heut Nacht“. Damit waren die Herzen in kalter Nacht schon einmal gleich erwärmt, und die Tanzsterne legten sofort nach. Die Tanzgruppe von Anne Leuer brachte das Narrenvolk auf Betriebstemperatur, die zwölf jungen Tanzsterne funkelten bei ihrem fetzigen Auftritt wie Diamanten im Scheinwerferlicht. Ohne Zugabe durften sie nicht gehen. Mit Stock und Zylinder legten sie bei „Mr. Saxobeat“ nach.


Damit war der Boden bereitet für den Mainzer Michael Eller. Der Gast aus dem Quatsch Comedy Club und Night Wash war „mit viel Überredungskunst und ungedecktem Scheck“ (O-Ton Deiters) nach Everswinkel gelockt worden. Der „glückliche Geschiedene“ („Zum Scheitern einer Ehe gehören immer zwei: die Frau und die Schwiegermutter“) freute sich über die „vielen tollen Frauen in der Festhalle - nicht so billige Uschis wie sonst. Aber eigentlich schade . . .“ Eller widmete sich ausführlich den Frauen, dem Alter und der männlichen Gesundheit. Während Männer mit ihrem Alter legerer umgingen, „kenne ich nur Frauen, die sind seit Jahren 29. Wenn man Frauen nach dem Alter fragt, sagen sie entweder ,29 oder ,schätz doch mal. Das ist ein Spiel, das kannst Du nicht gewinnen.“ Männer würden dann aus Erfahrung erst ehrlich im Hinterkopf rechnen, dann zehn Jahre abziehen - und trotzdem daneben liegen. Es gibt aber auch andere Fälle: „Neulich habe ich eine Frau getroffen, die hat mir ungefragt gesagt, ,ich gehe jetzt auch auf die 40 zu. Da habe ich gesagt, .echt? Aus welcher Richtung denn?“ Der „bekennende Hobby-Hypochonder“ Eller, der schon alle Ärzte durch hat bis zum Gynäkologen. („der einzige Arzt, wo ich nicht drei Stunden warten musste“.) hat für sich als Mann jenseits der 40 Leitsätze entwickelt. Dazu gehören: „Wenn Du eine Toilette siehst, benutz sie auch. Ich habe für 250 Euro die goldene Sanicare-Card - all you can shit.“ Und: „Wenn Du eine Erektion hast, mach was draus. Damals mit 20 hat Dir das Ding ständig im Weg gestanden und Du hättest nie gedacht, dass man das Ding noch mal selektiv einsetzen muss.“ Zweiter „Einkaufsknüller“ : Elfriede Bohnsack alias Travestiekünstler Stephan Baumgarn aus Hamburg. Mit Gewichtsproblemen kämpfend - „Ich trage den Bauch-weg-Slip von Triumph, der schiebt das Fett weg bis in den Strumpf“ - aber nach 30 Jahren als Putzfrau und der Ehrung als „kleine Lokusblüte“ immer auf Männerfang. Schließlich war ihr Gatte Erwin gerade verstorben. Ein Spanner, auf dessen Grabstein sie hat schreiben lassen, „der ist jetzt weg vom Fenster“, und der ihr eine ganze Schublade voll Viagra-Tabletten hinterlassen hat. Zerbröselt als Tannendünger im Garten, hatten die „den Vorteil, dass ich zu Weihnachten einen Tannenbaum gleich mit Ständer hatte“. Ob Elfriede im Saal den passenden Partner gefunden hat, ist nicht bekannt, aber zumindest betrieb sie auf der Bühne eifrig Eigenwerbung - erst als Tanzmariechen, dann als „Private Dancer“ beim Strip-Tanz für Senioren. Und immerhin konnte sie Elferratsmitglied Bernd Henrichs für einen Klammerblues gewinnen.

Viagra benötigen die Sänger des MGV jedenfalls nicht. Sie bewiesen, dass sie textlich und musikalisch unter Dauerspannung stehen, wobei der quirlige Heiner Arning derart zu verbaler Hochform auflief, dass der Verdacht des Dopings mehr als nahe lag. Nahmen die Sänger sich zunächst in Strohbücker-Kitteln gewandet die Lebensmittel-Versorgungssituation im Vitus-Dorf vor - „Wunderbar, mein Traum vom Notstand ist wahr. Denn dann bricht alles zusammen, das ist das Ende der Welt, im schönsten Dörfchen der Welt“ - verkündeten sie anschließend die Sensation: „Ich glaub es nicht, wir haben es geschafft“, jubelte Hubert Görges mit einem Handy in der Hand. „Wir haben die Bundesgartenschau nach Everswinkel geholt. Jetzt sind wir einmal vor Alverskirchen.“ „Bronze, Silber und Gold haben wir nie gewollt, wir wollen die Bundesgartenschau“, sangen die Barden. Aus „Rote Lippen soll man küssen“ wurde „Rote Rosen solln wir pflanzen“, und alle träumten von sprudelnden Eintrittsgeldern Tag und Nacht, sahen schon „in Wester einen großen See, dann ist das mit der Hähnchenmast passé“, und verpflichteten die Ehrengarde zur Sicherung der Grenze nach Alverskirchen. „Und was machen wir aus Deiner Klüngelbude? Ein Wellness-Hotel!“, kündigte Hubert Görges in Richtung Heiner Arning an und erhielt von dem volle Zustimmung: „Das ist gut, ich hatte neulich noch einen Wasserschaden.“

Für weiteres Lokalkolorit sorgte die Ehrengarde, die sich als rund 40-köpfiges Ermittlerteam des Schweinchen-Diebstahls vom Magnusplatz annahm. Begleitet vom Gesangsduo Sebastian Seidel und Steffen Serries, fragte sich die gesamte Dorf-Prominenz beim Lied-Refrain „Wer hat die schwarze Sau geklaut“, wer denn wohl diesen dreisten Diebstahl begangen haben könnte. „Unser (CDU-)Bernd hat die Idee, vielleicht war es die FDPeee“, „Sheriff Martin raubt das den Verstand, er ist schon außer Rand und Band“, „Zu Heiner Arning, unserem Wirt, hat sie sich auch nicht verirrt“. Im Strohbock bei der schwarzen Sau von Gerbermann kommts dann endlich raus: „Ich hab die schwarze Sau, ich hab die schwarze Sau gebrannt“. Zur Belohnung für den Ermittlungserfolg gabs die Premiere des Dreigestirns in Everswinkel mit Prinz Benny Pieper, Bauer Lars Thiemann und Jungfrau Christopher Schulze Umgrove.Auszeichnungen gab es am Samstag auch. Zunächst für Ida Witte, die als „Hallenfee“ sechs Karnevals-Präsidenten erlebte und nun eine lebenslange Eintrittskarte für die Karnevals-Parade plus Foto-Collage erhielt. Und dann der Ehrenteller. Er ging in diesem Jahr an den „Möhnenvater“ und früheren Kolping-Karnevals-Präsidenten Klemens Diepenbrock, der - so Deiters - „durch sein Engagement und seine Kreativität den Karneval in Everswinkel weitergebracht hat“.

Apropos weitergebracht: Weit gebracht haben es auch die Blau-Weißen Funken. Wer hätte gedacht, dass sich die tollen Auftritte der vergangenen Jahre noch toppen ließen. Mit vielen neuen Gesichtern präsentierten sich die jungen Damen beim Gardetanz so charmant, so spritzig und so hinreißend wie selten zuvor und könnten wohl auch locker auf einer der rheinischen Karnevalsbühnen bestehen. Der Show-Tanz geriet zur mitreißenden Kür. Eine musikalische Flugnummer, bei der elf bezaubernde Stewardessen und drei Flugkapitäne förmlich vom Bühnenboden abhoben. Das, was diese BW-Crew zeigte, hatte mit Economy nichts zu tun, das war Business First Class. Klar, dass die Zugabe „Flieger, grüß mir die Sonne“, sein musste.

Einmal mehr einen formidablen Auftritt legte zudem die Präsidentengarde hin, bei der Tanzmajor Lars Thiemann die letzte Sessionsrunde „seines“ Tanzmariechens einläutete - Cathrin Pieper segelt nach vier Jahren zum letzten Mal durch die Luft. Bei der eingeforderten Zugabe gaben beide noch einmal richtig Vollgas. Krönender tänzerischer Abschluss dann mit der Formation „Let s move“ aus Greven. Die ebenso sehenswerten wie beweglichen Damen schafften den Spagat vom Ballett mit Anmut und Grazie zur Rock-Nummer mit Power und Coolness. „We will rock you“, und die Bühne bebte. Zeit fürs Finale furioso nach vier Stunden Top-Programm. Die zwölf Grad Minus vor der Halle interessierten da niemanden.

VON KLAUS MEYER, WARENDORF


06 · 02 · 12




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