Plötzlich war der Mann weg


Plötzlich war ihr Mann weg: Von dieser dramatischen Geschichte erzählte am vergangenen Sonntagnachmittag Inge Krausbeck, die ihr Buch „Abschied von der DDR“ bei Kalhoff vorstellte. Foto:
Plötzlich war ihr Mann weg: Von dieser dramatischen Geschichte erzählte am vergangenen Sonntagnachmittag Inge Krausbeck, die ihr Buch „Abschied von der DDR“ bei Kalhoff vorstellte. Foto:
(Marian Schäfer)


Nordwalde - Wollen und können unsere Freunde noch den Kontakt halten? Wird die Fahnenflucht meines Mannes für unsere Familie Konsequenzen haben? „Diese Fragen habe ich mir doch nie wirklich gestellt. Schließlich hatte ich immer gedacht, in einem humanitären Staat zu leben, in dem es Meinungs- und Pressefreiheit gibt.“ Bis zu dem Tag im Jahr 1988, an dem Inge Krausbecks Mann seiner Frau am Telefon mitteilt, von seinem Urlaubsaufenthalt in der BRD nicht mehr in die DDR zurückzukehren.

„Ich hatte daran doch nie gedacht. Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass mein Mann schon länger von seinen Plänen erzählt, zumindest Andeutungen gemacht hatte“, erzählte Inge Krausbeck am Sonntagnachmittag bei ihrer Lesung im Rahmen der „Biografietage“ den zahlreichen Zuhörern in der Museumsgaststätte Kalhoff, wo sie ihr Buch „Abschied von der DDR“ vorstellte. Das Telefonat war damals ein großer Schock für die 36-jährige Mutter von zwei Kindern (14 und 18 Jahre alt), sie stand jetzt alleine da, musste überlegen, was zu tun ist. „Ich lebte gerne in der DDR“, betonte Krausbeck.


Klar gab es Dinge, die sie kritisierte, die sie nicht gut fand. Dass die DDR aber nicht im Geringsten ein humanitärer Staat war, dem es schon gar nicht um Meinungs- und Pressefreiheit ging, das fiel der Ärztin erst dann auf. Das Wegbleiben ihres Mannes riss sie aus einer Traumwelt, spätestens nach den Hausdurchsuchungen, den Verhören bei der Kriminalpolizei, der Staatssicherheit, nach den Gesprächen mit ihrem Chef und Kreisarzt. „Ich war vorher sicher naiv“, gab Krausbeck zu.

Möglich, dass sie diese Sicht entwickeln konnte, weil sie als Kinderärztin noch relativ privilegiert war. Davon aber war nach der Flucht keine Rede mehr: Konten wurden gesperrt, mit Beschlagnahmung von Möbeln und anderen Wertgegenständen gedroht. Zwar war bald der Entschluss getroffen, mit den Kindern auch nach Westdeutschland auszureisen - 1988 schien der Fall der Mauer allerdings noch genauso fern wie eine Ausreiseerlaubnis der Behörden, die jetzt hinter jeder Gardine zu stecken schienen, jeden Brief mitlasen, wahrscheinlich auch das Telefon abhörten. „Man sagte, dass jeder vierte bei der Stasi arbeitete. Dass wir auf Feiern manchmal aus Spaß durchzählten, fand ich jetzt gar nicht mehr lustig.“

Ebenfalls nicht lustig, aber sehr interessant war die Lesung von der ehemaligen Bild-Sport-Redakteurin Grit Hübener , die aus ihrem Buch „Grenzwege - Lebensgeschichten aus einem geteilten Land“ vorlas, in dem sie sieben schicksalhafte Begegnungen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, die von Berlin über Frankenheim und Heilbad Heiligenstadt bis nach Silkerode verläuft, beschreibt. Sie trifft beispielsweise einen Grenzsoldaten, der über seine Arbeit und den Schießbefehl schreibt und eine Erzieherin, die schon zu Zeiten der DDR katholische Erzieherin werden wollte und das auch sagte und dafür ausgelacht wurde.

Täter, Opfer - die Kategorisierung verschwimmt, bemerkte Grit Hübener. „Auch, dass die Grenzen weiter wirken“, erzählt sie von Leuten, die, sich als „Ossis“ und „Wessis beschimpften. Hübener: „Es muss einfach noch mehr über die DDR gesprochen werden. Es darf kein Tabu geben.“

VON SCM


29 · 09 · 09





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