„Ich wünsche mir mehr Zeit für Kinder“


Marita Lödde-Wilken mitten unter "ihren" Kindern.
Marita Lödde-Wilken mitten unter "ihren" Kindern.


Greven. Es ist ein Ruck durch die Grundschule gegangen: Die neueste „IGLU“-Studie zeigt, dass die deutschen Dritt- und Viertklässler beim Lesen international durchaus wettbewerbsfähig sind. WN-Redakteurin Monika Gerharz sprach mit marita Lödde-Wilken von der Marien-Grundschule darüber, wie es zu diesen Fortschritten kam.

Die Bildungsstudie „Pisa“, die die Leistungen Jugendlicher getestet hat, hat den Deutschen einen Schock versetzt, ihr Gegenstück „Iglu“, das die Grundschüler im Visier hat, streichelt das Selbstgefühl, denn die deutschen Kinder schneiden sehr ordentlich ab und werden mit jeder Wiederholungsstudie besser. Wie hat die Grundschule das geschafft?


Marita Lödde-Wilken: Die Grundschulen haben auch in der letzten Iglu-Studie von 2001 schon ganz ordentlich abgeschnitten. Dass das neue Ergebnis noch besser ist, freut uns natürlich ganz besonders. Wir haben unsere Lesekonzepte weiterentwickelt und wir haben schulinterne Fortbildungen durchgeführt. Wir arbeiten eng mit der Stadtbücherei und der Marien-Bücherei zusammen. Beide bieten tolle Projekte an. Die Stadt Greven finanziert die Schullizenz für das Programm Antolin. Dieses Leseförderprogramm begeistert die Kinder. Das gute Ergebnis zeigt: Die Arbeit lohnt sich. Unsere Förderkonzepte greifen.

Welche Rolle spielen die Kindergärten?

Lödde-Wilken: Die Sprachförderung in den Kitas ist ein wichtiger Baustein und unerlässlich für die vorschulische Förderung. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Kindertageseinrichtungen ist Voraussetzung für einen gelingenden Übergang in die Schule. Die Grevener Grundschulen arbeiten sehr eng mit den Kitas zusammen. Es finden regelmäßige Arbeitstreffen statt.

Bei Pisa scheint es auch ein wenig aufwärts zu gehen. Dennoch können die Kinder ihre guten Leistungen aus der Grundschule offenbar nicht in die weiterführenden Schulen retten. Woran liegt´s?

Lödde-Wilken: Der Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule scheint für einige Kinder ein Bruch zu sein. Es gibt sicher verschiedene Ursachen dafür. Auffallend ist, dass die Länder, die besonders gut abschneiden, so auch Thüringen, längere gemeinsame Lernzeiten in ihrem Schulsystem vorsehen. Frühe Selektion wird ja auch immer wieder von Experten in Frage gestellt.

Bemerkenswert: In den Grundschulen haben die meisten Kinder Spaß am Lesen, bei den älteren Kindern bricht es enorm ein. Wie kommt das?Lödde-Wilken: Die Freude am Lesen ist natürlich die Grundvoraussetzung. Eltern können diese Freude stark unterstützen. Diese Lesemotivation zu erhalten ist aber auch Aufgabe von Schule. Zur Leseförderung gehört die Vermittlung von Lesestrategien, aber immer in Kombination mit Förderung der Lesemotivation. Ohne Motivation geht es nicht. Jugendliche sollten vielleicht bei der Planung und Durchführung von Leseprojekten stärker beteiligt werden.

Ebenfalls erstaunlich: Grundschul-Jungs lesen fast so gern wie Mädchen. In den älteren Jahrgängen werden viele Jungen zu Lesemuffeln. Warum?

Lödde-Wilken: Laut Iglu-Studie haben besonders die Jungen ihre Leistungen verbessert. Die Jungen und Mädchen liegen nicht mehr so weit auseinander. Das ist sehr erfreulich. Die Jungen-Förderung ist in den letzten Jahren mehr in den Fokus gerückt. Jungen und Mädchen haben sicherlich unterschiedliche Interessen an bestimmten Themen. Das muss mehr berücksichtigt werden.

Ein Problem sind nach wie vor die Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund, die deutlich schlechter sind. Was können die Grundschulen da noch tun?

Lödde-Wilken: Diese Gruppe von Kindern stellt für die Grundschulen eine besondere Herausforderung dar. Aber: Wir sind auf gutem Weg. Die konsequente Weiterentwicklung unserer Förderkonzepte ist notwendig. Dazu gehört auch eine gezielte Elternarbeit. Die Sprachförderung im Vorschulalter ist wichtig und eine gute Vorbereitung. Auch die Freude am Lesen muss vermittelt werden.

Bei der TIMSS-Studie, die Grundschüler auf mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten testete, lag Deutschland nur im Mittelfeld. Wie kommt’s?

Lödde-Wilken: Auch hier sind die Schulen auf dem Weg. Experimentieren im Bereich Naturwissenschaften gehört zum Unterrichtsalltag. Wir freuen uns über die gute Zusammenarbeit mit der Justin-Kleinwächter-Realschule. Gerade vor zwei Wochen waren unsere Viertklässler an einem Chemieprojekt beteiligt. Da zeigt sich wieder: Von einer guten Vernetzung und einer intensiven Zusammenarbeit profitieren alle.

Welche Rahmenbedingungen wünschen Sie sich, um Kinder optimal fördern zu können?

Lödde-Wilken: Ich wünsche mir mehr Zeit für Kinder. Mehr Lernzeit in Ganztagsangeboten, mehr Zeit durch mehr Personal - besonders sozialpädagogische Kräfte in allen Schulstufen, mehr Zeit durch kleine Klassen. Es ist bald Weihnachten - wünschen darf man.

VON MONIKA GERHARZ, GREVEN


12 · 12 · 08





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