Greven. „X-tra für Jungs“ - hinter diesem Schlagwort verbirgt sich ein Projekt, das Jungen gezielt für das Lesen begeistern soll. In diesem Jahr liegt ein Schwerpunkt der Arbeit der Stadtbibliothek auf der Leseförderung von Jungen. Dafür hat das Team der Stadtbibliothek ein ganzes Maßnahmenpaket geschnürt. Nicht ohne Grund: Auch in Greven lesen Jungen weniger als Mädchen, mit Folgen auch für den Schulerfolg. Das Ziel ist klar formuliert: Jungen sollen im laufenden Jahr fünf Prozent mehr Bücher ausleihen als im vergangenen Jahr. Über das Projekt und das Lesen allgemein sprach WN-Redakteur Oliver Hengst mit der Leiterin der Stadtbibliothek, Sigrid Högemann.
Die Stadtbibliothek will Jungen verstärkt als Leser gewinnen, sie umwerben. Warum ist das nötig?
Sigrid Högemann: Weil wir feststellen, dass auch in Greven Jungen ab zehn Jahren deutlich weniger Bücher ausleihen als Mädchen. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass die Lesefähigkeit von Jungen im Durchschnitt schlechter ist als die der Mädchen. Dies hat direkte Folgen für den Schulerfolg. In allen Fächern wird von Jugendlichen erwartet, dass sie flüssig lesen und den Sinn eines Textes erfassen können. Nur wer regelmäßig liest, kann diese Fähigkeiten trainieren.
Wie groß ist der Anteil von Jungen bestimmter Altersklassen in der Kartei der Bibliothek?
Högemann: Da die Bibliothek eng mit den Schulen zusammenarbeitet, haben fast alle Grevener Kinder mit spätestens neun Jahren einen Ausweis der Stadtbibliothek. Mit neun Jahren leihen beide Geschlechter auch gleich viele Bücher aus. Ab zehn Jahren geht die Schere auseinander, ab zwölf Jahren werden 70 Prozent aller Bücher (Sachbücher und Geschichten) von Mädchen ausgeliehen, 30 Prozent von Jungen.
Lesen gilt bei Jungs eines bestimmten Alters als uncool. Wie wollen sie diese Zielgruppe dennoch knacken?
Högemann: Wir haben ein ganzes Maßnahmenbündel geplant: Das Medienangebot für Jungen wird in diesem Jahr auch mit Projektmitteln des Landes deutlich erhöht. Jungen finden in den Regalen viele Baumhaus-Bücher, Fantasygeschichten, Technikbücher, Angelbücher . . . In der Ferienkiste haben Gleichstellungsbeauftragte und Stadtbibliothek eine Krimi-Hörbuchwerkstatt angeboten, die bei den Jungen sehr gut angekommen ist, im Herbst werden zu einer Lesung von Ulli Potofski nur Jungen eingeladen und ab Oktober startet der Jungen-Club JEB. Jungen treffen sich dort einmal im Monat, sammeln Buchtipps, veröffentlichen Besprechungen oder kaufen Bücher und Spiele ein. Eltern erhalten in einem Vortrag am 29. Oktober Lesetipps für ihre Söhne. Außerdem achten wir darauf, dass durch viele männliche Praktikanten und Schüleraushilfen die Männerquote der Bibliothek erhöht wird.
Wenn Jungen doch mal zum Buch greifen, was sind dann ihre Favoriten?
Högemann: Jungen im Grundschulalter lieben die Serien „Das magische Baumhaus“ oder den Klassiker „Die drei ???“, Buchtipps für Jungen ab zwölf Jahren sind „Eragon“ von Paolini, Bücher von Andreas Schlüter oder Kai Meyer, „Der Herr der Ringe“ oder „Löcher“ von Louis Sachar. Ab 14 Jahren wechseln viele Jungen zu den Romanen aus dem Erwachsenenbereich: „Der Medicus“ von Gordon, „Eine Billion Dollar“ von Eschbach, „Artemis Fowl“ von Colfer oder der Klassiker von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“. Außerdem können sich viele Jungen für Sachbücher begeistern, wenn sie das Thema interessiert.
Welchen Wert hat das Lesen für den späteren Werdegang von Kindern?
Högemann: Lesen ist eine Basiskompetenz. Menschen, die nicht flüssig lesen können, haben Nachteile in Alltag und Beruf. Selbst das Internet wird von leseerfahrenen Jugendlichen gezielter und effizienter genutzt. Kreativität, Fantasie, Konzentrationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen wird durch das Lesen gefördert. Lesen kann auch einfach nur Spaß machen und entspannen.
Wenn sie an ihre eigene Kindheit zurückdenken: Haben da Bücher auch schon eine so große Rolle gespielt wie heute? Mit welchen Buchhelden sind sie groß geworden?
Högemann: Ich habe schon als Kind viel gelesen. Für „Hanni und Nanni“ und dann für das komplette Karl-May-Werk habe ich gerne mein Taschengeld geopfert.