„Wie nach ein paar Gläsern Wein“


Wie eine Clownsnase sieht die Lachgas-Maske aus, die Dr. Volker Grieß und seine Mitarbeiterinnen Sina Volkert und Juliane Wacker den Patienten überstülpt. Foto:
Wie eine Clownsnase sieht die Lachgas-Maske aus, die Dr. Volker Grieß und seine Mitarbeiterinnen Sina Volkert und Juliane Wacker den Patienten überstülpt. Foto:
(bam)


Greven - Wie ein Clown, die Schweine-Diva Miss Piggy oder ein außerirdisches Monster mit Tentakeln im Gesicht - was der Zahnarzt Dr. Volker Grieß in seiner Praxis den Patienten über das Gesicht zieht, sieht lustig aus. Und was zuerst in die putzige Maske und dann in die Lunge des Patienten strömt, klingt ebenfalls nach Spaß: Grieß behandelt auf Wunsch mit Lachgas.

Kichernd sitzt allerdings niemand im Behandlungsstuhl. Das Gemisch aus Distickstoffmonoxid und reinem Sauerstoff dämpft die Angst vor dem Bohren, der Spritze oder noch Unangenehmeren, entspannt und nimmt der Behandlung die Schmerzen und den Würgereflex. „Wie nach ein paar Gläsern Wein“ fühlt sich der Zustand an - allerdings ohne Kater oder Zerstörung von Nervenzellen. Eine Viertelstunde nach der Behandlung ist man wieder fit für den Straßenverkehr.


„Früher hat man die Maske aufgedrückt und es gab die volle Dröhnung, heute steigern wir langsam die Konzentration“, erzählt Grieß. Bis zu 70 Prozent Lachgas ist am Ende in der Luft, die der Patient einatmet. Die Glieder werden wohlig schwer, es kribbelt in Zehen oder Fingerspitzen, an den Rändern des Sichtfelds wird es milchig. „Der Patient bleibt allerdings voll ansprechbar und bei Bewusstsein“, sagt Grieß.

Der Zahnarzt kennt viele Patienten, die aus Angst vor den Schmerzen mehr sediert oder narkotisiert werden wollen. Aber die Vollnarkose berge erhebliche Risiken. „Lachgas wird schon seit mehr als 100 Jahren verwendet, es gab nicht einen gefährlichen Zwischenfall. Es ist ein extrem sicheres Verfahren.“ Lachgas greift nicht in den Stoffwechsel ein, sondern setzt Blockaden in der Reizweiterleitung im Gehirn.

Außerdem sei die Vollnarkose mit 400 bis 500 Euro sehr teuer, erklärt Grieß. „Die Krankenkassen tragen das nur in Ausnahmefällen.“ Die Verabreichung von Lachgas wird zwar auch nicht von den Krankenkassen bezahlt, schlägt aber nur mit etwa 50 Euro zu Buche. Wenn die Behandlung oder der chirurgische Eingriff länger dauert, kann es etwas teurer werden. Die Maske kauft der Patient für etwa fünf Euro - er kann sie aber beim nächsten Zahnarztbesuch wieder mitbringen.

In den Zahnarztpraxen in Großbritannien und den USA ist Lachgas ganz normal. „Dort wird es in mehr als 50 Prozent der Praxen benutzt, und man kennt das ja auch aus Filmen“, sagt Grieß. „Warum soll man das nicht auch in Deutschland so machen?“ Die Behandlungsmethode hat hierzulande keine richtige Tradition, ist aber im Kommen. Laut einer Studie des Instituts für dentale Sedierung in Köln wenden etwa sieben Prozent der Zahnärzte Lachgas an.

Grieß ist jetzt einer von ihnen: Im September war er bei einem Zertifizierungskurs des Instituts, drei Tage später hat er das Gerät geleast. Gelohnt habe es sich schon jetzt, sagt der Zahnarzt. Er erzählt von einem Patienten, der vor lauter Panik in Tränen ausbrach. „Bei der Behandlung war er völlig relaxt. Das ist sensationell“, schwärmt der Arzt. Und wer sich die lustige Maske über die Nase stülpen lässt, wählt mit der Farbe auch gleich ein Aroma. Und schnuppert ganz entspannt „Pina Colada“, „Orange“ oder „Bubblegum“, während Dr. Grieß die Spritze ansetzt.

VON BARBARA MAAS, MÜNSTER


04 · 02 · 12





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