Europa bleibt die letzte Rettung

Elias Bierdel prangerte den tausendfachen Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer und auf dem Atlantik zwischen Afrika und den Kanaren an.
Elias Bierdel prangerte den tausendfachen Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer und auf dem Atlantik zwischen Afrika und den Kanaren an.
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Lüdinghausen. „Was können wir denn nur machen?“, fragte eine verzweifelte Zuhörerin Andreas Bierdel. Der Journalist und frühere Vorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur hatte aufgerüttelt. Fast zwei Stunden hatte er im Evangelischen Gemeindezentrum über erschütternde Flüchtlingsschicksale an den Grenzen Europas berichtet.

Die rund 60 Zuhörer blieben mit ihrer Verzweiflung nicht allein. „Wir können was tun“, ermunterte Stephan Kreutz, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. „Es gibt auch hier Möglichkeiten“, stimmte Michael Kertelge, Pastoralreferent der Gemeinde St. Felizitas, als Sprecher des Caritas-Ausschusses zu. Die Auftaktveranstaltung zu einer Reihe mit dem Thema Migration sollte wachrütteln, fasste Sabine Schröder vom Fachdienst für Integration und Migration beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) zusammen.


Provokation war an diesem Abend, den SkF, Pfarrgemeinderat St. Felizitas und evangelische Gemeinde gemeinsam veranstalteten, ausdrücklich erwünscht. Darauf stimmte schon das Thema ein: „Das Sterben an Europas Grenzen geht weiter.“ Aus Not und Verzweiflung würden Menschen in Afrika, darunter zunehmend Klimaflüchtlinge, den Weg nach Europa als einzige und letzte Perspektive wählen, stellte Sabine Schröder fest. Was sich auf diesen Wegen auf hoher See – nicht nur im Atlantik, sondern auch im Mittelmeer – an den Grenzen Europas an menschlicher Dramatik abspielt, machte Elias Bierdel an erschütternden Augenzeugenberichten fest.

Als gebürtiger Berliner, der 50 Meter westlich der Mauer aufwuchs, kennt er besondere Grenzerfahrungen. Eine solche dauert bis heute an. Nach wie vor läuft in Italien der Prozess für eine Aktion der Cap Anamur, die im Juni 2004 im Mittelmeer 90 Kilometer vor der europäischen Küste 37 schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord nahm und nach Italien brachte. Das „Flüchtlings-Rettungsschiff“ befand sich auf einer Probefahrt, nachdem dessen Maschine auf Malta repariert worden war. Drei Männer aus der Crew der Cap Anamur werden als „Schlepper“ angeklagt. „Das Ende einer Rettungsfahrt“ schildert er in dem gleichnamigen Buch.

„Die Boote fahren immer in die gleiche Richtung – von Arm nach Reich“, beschrieb Elias Bierdel seine Erfahrungen. Er berichtete von Einheiten, die den Auftrag hätten, die Boote zu stoppen und zur Umkehr zu bewegen. „Es ist eine Viehcherei und ein Krieg gegen unbewaffnete Menschen“, rüttelte der Buchautor wach. Schlechte Boote, kein Fachmann an Bord und militärische Abwehr seien Auslöser für tausendfachen Tod auf hoher See. „Die Politik ist für die Abwehr verantwortlich und Auslöser der Flucht“, brachte Bierdel die Verantwortung für das Flüchtlingsdrama auf einen kurzen Nenner. „Wir müssen die Politiker dazu zwingen, dass sie sich damit beschäftigen“, nannte der Referent eine Konsequenz. „Und was können wir tun?“, wurde wiederholt gefragt. Beispielsweise in Gesprächen wachrütteln und für die Flüchtlingsproblematik sensibilisieren, aber auch auf die Ursachen der Flucht blicken, riet Bierdel.

VON JOSEF KERSTING, LÜDINGHAUSEN

30 · 10 · 08



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