„Tiefgreifende Gotteskrise“


Gut 90 interessierte Besucher zählte die Sonderveranstaltung im Rahmen des Theologischen Forums jetzt in den Räumen der Familienbildungsstätte. Referent war der Theologe Prof. Dr. Jürgen Manemann.Foto:
Gut 90 interessierte Besucher zählte die Sonderveranstaltung im Rahmen des Theologischen Forums jetzt in den Räumen der Familienbildungsstätte. Referent war der Theologe Prof. Dr. Jürgen Manemann.Foto:
(miro)


Lüdinghausen - Sie wollen sich engagieren für eine lebendige und glaubwürdigere Kirche mitten in der Welt von heute, für eine Glaubensgemeinschaft, die gefährliche Trends, aber auch Chancen moderner Gesellschaften benennt, ihre oft verborgenen Lähmungen sichtbar macht und aus der befreienden Hoffnungsbotschaft der Bibel heraus Menschen zu echten gesellschaftlichen Aufbrüchen ermutigt. Und das angesichts der aktuellen fundamentalen Glaubwürdigkeitskrise ihrer Kirche, die in der öffentlichen Wahrnehmung weithin als strukturell verkrustet, merkwürdig weltfremd und - betrachtet man die Reaktion auf das riesige Ausmaß aufgedeckter Missbrauchsfälle - kaum umkehr- oder reformfähig erscheint. Foto:

Mehr als 90 Interessierte drängten sich am Montag in den größten Saal der Lüdinghauser Familienbildungsstätte. Angekündigt war ein Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Manemann, politischer Theologe in der Nachfolge von Johann B. Metz, heute Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover. Sein Thema: „Kirchenkrise und Gotteskrise“. Diese Sonderveranstaltung des Theologischen Forums bekam im Laufe des Abends eine ganz besondere Note, weil einem „diagnostischen“ Vortrag auf hohem Reflexionsniveau eine beherzte Diskussion folgte, die keinen der Anwesenden kaltließ.


Im Mittelpunkt des Abends stand das von mehr als 240 Theologieprofessoren im deutschen Sprachraum unterzeichnete jüngste Memorandum „Kirche 2011 - Ein notwendiger Aufbruch“, in dem nach einer analytischen Einleitung sechs Forderungen formuliert werden, die auf mehr Beteiligung der Gläubigen sowie eine grundlegende Neubesinnung auf die Kernaufgaben christlicher Gemeinden zielen, bei fairer Arbeitsteilung zwischen Priestern und Laien und einer viel weiter gehenden Einbeziehung der Frauen. Auch wird mehr Respekt vor persönlichen Lebensentscheidungen angemahnt.

Jürgen Manemann zeigte sich unzufrieden mit der ihm „zu pathetisch“ ausgefallenen theologischen Einleitung, die dem Forderungskatalog seiner Kolleginnen und Kollegen vorangestellt ist. Aber geradezu unglaublich findet er die bewusste Missachtung der Anliegen des Papiers durch die zuletzt in Paderborn versammelten deutschen Bischöfe.

Damit arbeite die Amtskirche weiter daran, „sich selbst zu marginalisieren“. Er ist der Meinung, dass die Kirche Atheisten („Gottlose“) selbst produziere und dies offenbar gar nicht merke. Manemann diagnostiziert nicht (nur) eine „Kirchenkrise“, sondern spricht von einer gesellschaftlich tiefgreifenden „Gotteskrise“.

Durch eine Erzählung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel, in der der qualvolle Tod eines Kindes am Galgen von Auschwitz einen persönlich tief betroffenen Zeugen zu der Feststellung führt, dort sterbe Gott, verdeutlichte der Referent seine These, dass Gott zwar sehr mächtig, aber nicht „allmächtig“ sei: Menschen könnten durch ihr Tun Gott in konkreten Situationen durchaus scheitern lassen. Die schlimmstmögliche Einstellung gegenüber dem Leiden seien aber Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit, die einer tiefen Hoffnungsmüdigkeit entsprängen.

Zentrales Anliegen Jesu und des von ihm verkündeten Gottes sei die Gerechtigkeit. Im Einsatz dafür müsse die Kirche „prophetisch“ und so auch „politisch“ sein. Die Solidarität mit dem konkret leidenden Menschen habe Vorrang vor noch so klugen Reflexionen über Gott und feierlichen Gottesdiensten.

Manemann betonte, der biblische Gott sei die not-wendige „Zumutung“ für moderne Menschen, selbst wenn sie sich als „religiös“ begriffen. In unserer „Hotelzivilisation“ (Hauptsache: sauber, hell, bequem) habe Erfolgsorientierung einen so hohen Stellenwert, dass die Suche nach Anerkennung, Selbstachtung und Lebenssinn oft ins Leere laufe.



07 · 04 · 11





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