„Anfangs war es ein Schock für mich“


Rucksack, Trolly und Sauerstofftank immer dabei: Dorothea Kuhn freut sich auf Sauerstoff-Langzeittherapie-Betroffene aus dem Kreis Coesfeld. Ende September soll eine Selbsthilfegruppe in Coesfeld gegründet werden.
Rucksack, Trolly und Sauerstofftank immer dabei: Dorothea Kuhn freut sich auf Sauerstoff-Langzeittherapie-Betroffene aus dem Kreis Coesfeld. Ende September soll eine Selbsthilfegruppe in Coesfeld gegründet werden.
(Foto: vth)


Kreis Coesfeld. Dorothea Kuhn hatte schon immer Probleme mit den Atemwegen. „Schon als Kind litt ich unter Sauerstoffmangel“, erzählt sie. Aber es ging immer irgendwie noch. Sie kannte es nicht anders: Blaue Lippen, Atemnot, Treppen, die ihr immer mehr zur Last wurden. Das Problem steigerte sich. Bis vor sieben Jahren nichts mehr ging. Zusammenbruch, schwere Lungenentzündung. „Ich bekam kaum noch Luft“, erinnert sich die heute 61-Jährige. Eine schlimme Zeit. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Denn seitdem ist es für Dorothea Kuhn nicht mehr möglich, ohne Sauerstoffgerät auszukommen. „Anfangs war es ein Schock für mich“, sagt Dorothea Kuhn. Denn Sauerstoff-Langzeittherapie bedeutet: Ständig eine Flasche oder einen Tank mit Sauerstoff mit sich zu führen, der vielleicht für sechs Stunden reicht. Verbunden zu sein mit Schlauchzuleitungen mit Nasensonde. „Anfangs ging ich nur mit hochgeschlagenem Kragen nach draußen“, erinnert sich die Münsteranerin. Sie brauchte zwei Jahre, um die Situation zu akzeptieren.

In Münster ist sie bereits in einer Selbsthilfegruppe für Sauerstoff-Langzeit-Therapie-Betroffene aktiv. Jetzt möchte sie auch im Kreis Coesfeld eine Gruppe gründen. „Ich weiß, dass viele Betroffene nicht mehr raus gehen“, sagt Kuhn. Sie lacht. Sie ist ein fröhlicher Mensch, ein Energiebündel. „Ich würde mich so sehr freuen, wenn Leute kämen“, sagt sie. Viele versteckten sich, „aber der Sauerstoff ist doch gerade dazu da, dass man wieder am Leben teilnimmt“. Gerade im ländlichen Bereich falle es Betroffenen schwer, die Fahrt nach Münster oder in eine andere Stadt zur nächsten Selbsthilfegruppe zu unternehmen. „Man schaut ständig auf die Uhr. Man rechnet immer“, erklärt sie. Denn der Sauerstofftank ist nach ein paar Stunden leer, bis dahin muss alles erledigt sein, bis dahin muss man wieder zu Hause sein, um aufzutanken. „Deswegen möchte ich ortsnah eine Gruppe anbieten.“ Informationsaustausch, Vorträge von Fachleuten, der Austausch von Tipps und Tricks oder einfach das Knüpfen neuer Kontakte soll die Gruppe bieten, die Ende September in Coesfeld starten soll.


„Ich habe in den Selbsthilfegruppen viel gelernt“, berichtet Kuhn über ihre Erfahrungen. So steckt sie ihren Sauerstofftank nicht nur in den speziellen Rucksack, sondern alles zusammen auch in eine Art Trolly. „Der Rucksack steht in einem Fahrradkorb“, erzählt Kuhn. Ein Montage-Tipp, der in der Selbsthilfegruppe ausgetauscht wurde. Damit kann sie ihre Ausrüstung auf Rollen wahlweise hinter sich herziehen oder auf dem Rücken tragen. „Im Museum gibt es zwar ständig Ärger, aber ich kann mittlerweile gut damit umgehen“, schmunzelt Dorothea Kuhn. Sie sagt, sie möchte nicht auffallen. Gerade das gestaltete sich anfangs schwierig. „Mittlerweile merke ich es gar nicht mehr, wenn mich die Leute anstarren“, sagt sie. Und lacht. Sie geht ins Theater, sie geht ins Kino, sie verreist, sie treibt Sport. „Klar, ich guck zwischendurch immer auf die Uhr“, sagt sie. „Aber man kann das alles machen.“

VON VIOLA TER HORST, COESFELD


08 · 08 · 08





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