Kinaesthetics stärkt die Bewegungskompetenz

Kai kriegt die Kurve


Geschafft! Kai Fürst liegt gemütlich auf dem Boden. Seine Helfer freuen sich über den Erfolg der Übung.Fotos:
Geschafft! Kai Fürst liegt gemütlich auf dem Boden. Seine Helfer freuen sich über den Erfolg der Übung.Fotos:
(Frank Zimmermann)


Gronau/Heek-Nienborg/Legden - Der Weg ist denkbar kurz: vom Stuhl auf den Boden. Doch für Kai Fürst ist es ein weiter Weg, eine Herausforderung, die er nur in kleinen Schritten bewältigen kann. Aus seinem Rollstuhl heraus rollt er sich auf zwei bereitgestellte Stühle in Bauchlage. Dabei helfen ihm vier Menschen: seine Mutter Gundi Fürst, deren Mann Willi Janning und die beiden Kinaesthetics-Trainer Annette Zumdick und Norbert Feldmann. Aus der Bauchlage schiebt Kai Fürst sein Becken nach hinten, verlagert sein Körpergewicht auf die Knie, rollt über den Po ab, kommt schließlich auf dem Rücken zu liegen - und lächelt.

Die Übung leitet Norbert Feldmann im Rahmen eines Kinaesthetics-Seminar an. Zwanzig Personen nehmen daran teil, sechs von ihnen sind Betroffene, so wie Kai Fürst. Seit einem Verkehrsunfall im Dezember 2003 ist der gebürtige Gronauer Wachkoma-Patient. Die übrigen Teilnehmer sind pflegende Angehörige und Betreuer. Sie kommen aus der Umgebung, aus Nienborg und Ahaus zum Beispiel. Im Landhotel Hermannshöhe haben sie sich auf zwei Räume verteilt. Matten und Decken liegen auf dem Boden verteilt. An diesem Vormittag geht es um Interaktion bei der Pflege und um Muskeln.


Kinaesthetics-Trainer demonstrieren offenbar gerne, wovon sie sprechen: „Du kannst gar nicht stehen“, sagt Norbert Feldmann. „Stehen kann die Kaffeekanne da oder der Rollstuhl. Aber Menschen arbeiten ständig gegen die Schwerkraft an. Stell dich auf ein Bein. - Und jetzt mach die Augen zu.“ Schon auf einem Bein wird die Stabilität weniger, mit geschlossenen Augen wird´s eine Wackelpartie. Demonstration gelungen. Auch Annette Zumdick weiß Menschen zu beeindrucken: Kaum hat der Journalist sich vorgestellt, liegt er auch schon auf der Matte. Es geht um Interaktion. Einmal dreht Zumdick den Besucher aus der Rücken- in die Seitenlage, so wie Pflegekräfte das herkömmlicherweise tun. Das zweite Mal macht sie es mit der „Kunst der Bewegungswahrnehmung“. Der Unterschied ist verblüffend.

Annette Zumdick ist examinierte Krankenschwester. Nach einem Bandscheibenvorfall hat sie neue Möglichkeiten gesucht, ihren Beruf weiter auszuüben und dabei gesund zu bleiben. So stieß sie auf Kinaesthetics. Heute ist sie zertifizierte Kinaesthetics-Trainerin der Stufe III. Sie arbeitet als Dozentin am St.-Marienkrankenhaus Ahaus-Vreden und schult pflegende Angehörige, Ehrenamtliche und Pflegepersonal in Kinaesthetics.

Auch Gundi Fürst ist über Zumdick zu Kinaesthetics gekommen. „Anfangs war ich sehr skeptisch“, erzählt die Gronauerin, die seit sechs Jahren mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Nienborg lebt. Sie habe nicht geglaubt, was die Kinaesthetics-Trainer ihr erzählt haben. „Man muss die Dinge spüren, um sie zu verstehen“, sagt sie und schließt damit den Kreis zu Zumdicks und Feldmanns Demonstrationsfreude.

Feldmann bezieht die gesunden, nicht behinderten Teilnehmer und ihre Körper ganz selbstverständlich in die Schulung mit ein. Er zeigt ihnen eine Dehnungsübung für die Oberschenkel: Alle sollen auf die Knie gehen, sich mit dem Po zwischen die Fersen setzen und dann den Oberkörper nach hinten ablegen. Was beim Trainer ein geschmeidiger Bewegungsfluss ist, sieht bei den Teilnehmern eher nach Verrenkung aus. „Das zieht wie hulle“, sagt eine Frau. Andere stöhnen nur noch, aber Feldmann lacht: „Genießt das! Und denkt immer an die 16 Muskeln, die wir zum Lachen brauchen, das sind die wichtigsten!“ Jetztlachen auch die Teilnehmer, obwohl sie sich gleichzeitig quälen. Feldmanns Botschaft kommt an.

VON FRANK ZIMMERMANN, GRONAU


13 · 08 · 11



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