Weiche Drogen - harte Kriminelle


Ein Polizeibeamter demonstrierte einen „Cannasniffer“, mit dem Cannabisgeruch aufgespürt werden kann.Foto:
Ein Polizeibeamter demonstrierte einen „Cannasniffer“, mit dem Cannabisgeruch aufgespürt werden kann.Foto:
(Martin Borck)


Hengelo - Wenn es nur um ein paar Pflänzchen ginge... Tatsächlich hat der illegale Cannabisanbau in den Niederlanden offensichtlich gewaltige Ausmaße angenommen, die alles andere als harmlos sind. „Es handelt sich um gewaltbereite, organisierte Kriminalität“, so gestern der Chef der Polizei Twente, Martin Sitalsing. Er unterzeichnete gemeinsam mit Oberstaatsanwalt Monte van Capelle (Almelo), Hengelos Bürgermeister Frank Kerckhaert als Sprecher der 14 Twente-Kommunen sowie Vertretern von Wohnungsgesellschaften und Energiebetrieben eine Vereinbarung. Ziel: den illegalen Anbau zurückdringen.

Das hat möglicherweise Konsequenzen für die deutsche Grenzregion: Sollte den Drogenanbauern der Boden zu heiß unter den Füßen werden, könnten sie ins Westmünsterland und die Grafschaft ausweichen. „Das ist wie in einem Wasserbett“, so van Capelle im Gespräch mit den WN. „Drückt man auf der einen Seite, kommt das Wasser an einer anderen Stelle hoch.“


Sitalsing kündigte gestern an, mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten zu wollen. Sollten sich Erkenntnisse ergeben, wird die hiesige Polizei informiert.

Gründe für ein hartes Vorgehen gibt es reichlich: Organisierte Kriminalität hat sich breitgemacht, es gab in den Niederlanden blutige Abrechnungen in Zusammenhang mit Cannabisanbau. Sogar Menschenhandel wurde aufgedeckt: So war ein polnischer Staatsbürger im Süden des Landes gezwungen worden, eine Plantage zu versorgen. Er hatte sich auf eine Anzeige beworben, in dem es um Mitarbeiter im Agrarbereich ging. Das stimmte zwar im weitesten Sinn - dass sein Arbeitgeber ihn aber in einem Keller einschloss, stand nicht in der Stellenbeschreibung.

„Das romantische Bild von einem kleinen Kiffer, der seinen selbst angebauten Joint raucht, stimmt schon lange nicht mehr“, so van Capelle. Viele Hintermänner seien bewaffnet.

Die illegalen Plantagen selbst sind häufig in normalen Wohnungen untergebracht. Für den Anbau werden Unmengen von Strom benötigt. Der wird auf abenteuerliche Weise aus dem Netz geklaut. Dabei entstehen lebensgefährliche Situationen, die Brandgefahr in den Häusern steigt enorm, und damit die Gefahr für Leib und Leben der Mitbewohner.

Die Cannabis-Züchter sollen die volle Härte des Gesetzes spüren. Die Kosten für die Demontage der Plantagen und die Vernichtung der Pflanzen muss der Züchter übernehmen. Die Wohnungsgesellschaften werden den kriminellen Mieter auf die Straße setzen, entstandene Schäden müssen sie ersetzen. Und auch den illegal abgezapften Strom müssen die Züchter nachträglich bezahlen.

Auch die Hintermänner sollen ermittelt werden. „Wir werden dem Geld folgen“, kündigte van Capelle an, „und in die Organisationen eindringen.“ Mitleid bräuchten die Täter nicht zu erwarten. „Wenn es 30 Jahre dauert, bis sie die Kosten bezahlt haben, dann dauert es eben 30 Jahre.“

Die Wohnungsgesellschaften freuen sich über die Vereinbarung, die ihnen Rechtssicherheit gibt.

Energieversorger Firma Enexis zeigte gestern einige Geräte, die manipuliert worden waren: Stromzähler, die per Magnet zum Stehen gebracht wurden oder deren Plomben geöffnet worden waren, Gasschläuche, die zerschnitten worden waren, um den Zähler zu umgehen, und per Fahrradflickzeug repariert worden waren. „Lebensgefährlich“, so Enexis-Sprecher Jans Rath.

Dass es nicht um Dumme-Junge-Streiche geht, machte auch er deutlich: „Man schätzt“ , sagt er, dass alle illegalen Cannabis-Plantagen der Niederlande zusammen die Größe der Provinz Utrecht haben.“ Die Energie, die alljährlich auf illegalem weg in die Wärmelampen der Züchter gelangt, reiche aus, um eine Großstadt zu versorge: 1 Milliarde Kilowattstunden im Wert von rund 150 Millionen Euro.

Sollte der Energieverbrauch diesseits der Grenze also plötzlich aus unbekannten Gründen ansteigen - könnten illegale Plantagen die Ursache dafür sein.

VON MARTIN BORCK, GRONAU


03 · 02 · 11





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