Die ausgleichende Kraft


Schiedsfrau Agnes Nienhoff
Schiedsfrau Agnes Nienhoff
(Foto: Plettenberg)


Heiden (rpl). „Schlichten statt richten“: Seit mehr als 180 Jahren gibt es in Deutschland - und zuvor in Preußen - das amtliche „Schiedsverfahren“: eine Möglichkeit, Streitigkeiten, die sonst vielleicht vor Gericht enden würden, auch ohne Richter rechtlich verbindlich beizulegen.

Die ausgleichende Kraft in diesem Schlichtungsverfahren ist der „Schiedsmann“ - der in Heiden eine „Schiedsfrau“ ist: Wer in der Düwelsteengemeinde Streit mit seinem Nachbarn hat, sich von jemandem beleidigt oder bedroht fühlt oder eine streitige Geldforderung von bis zu 600 Euro klären möchte, kann statt zum Amtsgericht auch zu Agnes Nienhoff gehen.


Die Heidenerin ist die vom Rat gewählte Schiedsfrau - und damit ehrenamtlich, aber doch „amtlich“, für die außergerichtliche Streitschlichtung in Heiden zuständig. Falls Agnes Nienhoff verhindert ist, springt als Stellvertreter Hans-Dieter Menke in die Bresche.

„Insgesamt hat die Zahl der Schiedsfälle aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren eher abgenommen“, berichtet Agnes Nienhoff im BZ-Gespräch. Dies allerdings, so glaubt die Schiedsfrau, liege weniger an einer geringeren Streitlust der Bürger, als vielmehr an der steigenden Zahl von Rechtsschutzversicherten: Da die Versicherung für die Prozesskosten aufkomme, zögen viele Kontrahenten lieber gleich vor Gericht, als sich um eine gütliche Einigung zu bemühen.

„Viele - aber bei weitem nicht alle“, schränkt Agnes Nienhoff dabei ein. So mancher Heidener überlege sich auch heute noch, ob es wirklich besser sei „sich zu fetzen, als sich zusammenzusetzen“, berichtet die Schiedsfrau von ihren Erfahrungen.

Immerhin, so die erfahrene Streitschlichterin, müssten die Kontrahenten ja auch nach dem Streit oft Grenze an Grenze weiter zusammen leben.

Insgesamt neun aktenkundige Schiedsfälle hat Agnes Nienhoff in jüngerer Zeit bearbeitet. Sechs davon seien mit einem „Vergleich“, also einer einvernehmlichen Regelung der Angelegenheit ausgegangen.

Einmal sei zwar keine Einigung zustande gekommen, die Beteiligten hätten aber trotzdem auf eine gerichtliche Fortsetzung ihres Streites verzichtet. Und in zwei Fällen sei der jeweilige Streitvorwurf im Laufe des Schiedsverfahrens zurückgenommen worden.

Viel breiteren Raum als die echten Schlichtungsverfahren, so Agnes Nienhoff, nähmen in der Schiedsmannsarbeit aber die „Beratungsgespräche“ ein. Dabei löse sich der Streitgegenstand oft von selbst auf. „Da klagt erst die eine Seite ihr Leid und dann die andere, und irgendwann im Laufe der Gespräche setzt sich der gesunde Menschenverstand durch, und die Beteiligten einigen sich, ohne dass es zu einem formalen Schlichtungsverfahren mit Protokoll und Siegel kommt“, berichtet die Schiedsfrau.

„Viele Heidener“, so Agnes Nienhoff, „schlafen eben doch lieber erstmal eine Nacht über einen Streit, als gleich vor Gericht zu ziehen.“



03 · 09 · 10





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