Zahlendreher aufdröseln


Zahlen standen im Mittelpunkt der Vorträge von Marco Bauhaus (links) und Lothar Gerritzen. Laut Gerritzen sollte die Zahl 36 so gelesen werden: „dreißigsechs“.
Zahlen standen im Mittelpunkt der Vorträge von Marco Bauhaus (links) und Lothar Gerritzen. Laut Gerritzen sollte die Zahl 36 so gelesen werden: „dreißigsechs“.
(Foto: Schönherr)


Borken. Über das Zählen müssen die meisten Menschen nicht lange nachdenken. Die Zahl 21 ist eben eine 21. Der Mathematik-Professor Lothar Gerritzen hat sich dazu ein paar Gedanken mehr gemacht. Für ihn ist die 21 ein Paradebeispiel dafür, wie unlogisch die deutsche Sprache in Sachen Zahlen aufgebaut ist. Die 21 wird nicht - wie jeder Text - von links nach rechts gesprochen, sondern umgekehrt, quasi von hinten nach vorne. Gerritzen ist für eine Vereinfachung. Geht es nach ihm, wird 21 so gelesen: „zwanzigeins“.

Im Berufskolleg Borken referierte der emeritierte Mathe-Professor aus Bochum gestern Nachmittag bei einer Lehrer-Fortbildung über Zahlendreher. Sein Publikum bestand aus Lehrern aus Borken und Umgebung sowie aus Referendaren des Studienseminars Bocholt. Gerritzen hatte noch weit kompliziertere Beispiele als die 21 parat. Liest man die Zahl 54.321 auf herkömmliche Weise, macht man vier Sprünge und zwei Rückwärtswege. Gerritzens Vorschlag: „fünfzigviertausenddreihundertzwanzigeins“.


Für den Mathematiker und Vorsitzenden des Vereins Zwanzigeins sind das aber nicht nur reine Zahlenspielereien. Er ist überzeugt davon, dass viele Kinder wegen des unlogischen Aufbaus der Sprache Schwierigkeiten im Fach Mathematik haben. Als Gegenbeispiel führte er China an, wo eine „schreibgerechte Sprache“ praktiziert wird. „Es wurde nachgewiesen, dass chinesische Kinder früher und besser zählen und rechnen können als europäische“, erklärte Gerritzen. Bis 50 können vierjährige Chinesen zählen. Deutsche bis 15.

Aber nicht nur der pädagogische Aspekt sei Grund, das System zu ändern, meint Gerritzen. Er berichtete von einem Kollegen, der im Krankenhaus die falschen Tabletten bekam, weil die Krankenschwester die Zimmer 21 und 12 verwechselt hatte. Durch Zahlendreher entstünden auch der Wirtschaft Jahr für Jahr enorme Verluste. Einen Wechsel im Sprachgebrauch hält Gerritzen in Deutschland für möglich. Vorbild könnte Norwegen sein, wo das Parlament vor 60 Jahren dafür gestimmt hat.

Dass nicht jede schlechte Mathe-Note Rückschlüsse auf die Intelligenz des Schülers zulässt, erklärte im zweiten Vortrag Marco Bauhaus. Das Thema des Sonderpädagogen lautete „Dyskalkulie: Diagnostik, Prävention und Therapie“. „Wichtig ist, dass die Lehrer erkennen, ob es andere Gründe für eine Schwäche im Rechnen gibt,“ sagte er. Eine genaue Diagnostik könne zwar nicht in der Schule gemacht werden, sondern müsse von externen Fachleuten durchgeführt werden. Die Schulung sollte aber für das Thema sensibilisieren.

Bis zum 25. Juni gibt es eine Ausstellung des Vereins Zwanzigeins im Foyer der Berufsschule.

VON MARKUS SCHÖNHERR


11 · 06 · 10





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