Was tun gegen Gewalt?


Gewalt ist kein Mittel der Konfliktlösung. Unter anderem in „Anti-Aggressivitäts-Trainings“ werden straffällig gewordene Jugendliche mit ihren Taten konfrontiert.
Gewalt ist kein Mittel der Konfliktlösung. Unter anderem in „Anti-Aggressivitäts-Trainings“ werden straffällig gewordene Jugendliche mit ihren Taten konfrontiert.
(Foto: Colourbox)


Von Peter Berger

Borken. Ein 17- und ein 18-Jähriger prügeln in einer Münchener S-Bahn-Station einen 50-jährigen Mann zu Tode, der jüngeren Jugendlichen geholfen hatte. Ein Einzelfall, der erneut eine Debatte über (Jugend-)Gewalt und wie man ihr begegnen kann, ausgelöst hat. Die BZ sprach mit Experten in Borken.


Die Evangelische Jugendhilfe führt seit 2002 für die Stadt Borken „Anti-Aggressivitäts-Trainings“ durch. Teilnehmer sind 14- bis 21-Jährige, die Körperverletzungen begangen haben und/oder Mehrfachtäter sind. Einmal in der Woche trifft sich die acht- bis zwölfköpfige Gruppe und das über ein halbes Jahr lang. Das Konzept, das dahinter steckt, ist die „konfrontative Pädagogik“. Unter anderem in Rollenspielen haben sich die Jugendlichen und Heranwachsenden mit ihrer Tat auseinananderzusetzen und gewaltfreie Lösungsstrategien zu entwickeln. Da wird dann auch schon mal im Parkhaus eine bedrohliche Situation nachempfunden - aus Sicht des Opfers. Das Konzept gehe auf, so Kay Albring von der Jugendhilfe. Bezogen auf Borken, würden nur sieben Prozent der Teilnehmer rückfällig. Darüber hinaus bildet die Jugendhilfe Trainer aus und bietet Anti-Gewalt-Training für Eltern an. „Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Erleiden und der Anwendung von Gewalt“, verweist Albring auf Studien.

In dieselbe Richtung gehen die Bemühungen von Hubert Vornholt vom Fachbereich Jugend und Familie des Kreises. Er hat eine Zusatzqualifikation als „Gewaltberater“, womit natürlich die Vermeidung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung gemeint ist. Vornholt lässt in seinen Kursen, einer beginnt in Kürze in Stadtlohn, die Teilnehmer unter anderem eine Rechnung „Was kostet dich deine Gewalt?“ anstellen. „In einem Kursus sind schon mal 450.000 Euro zusammengekommen“, berichtet Vornholt. Schmerzensgeld, Krankenhaus-Aufenthalte, Sachschäden, der Platz im Knast - alles wird nach dem Verursacherprinzip abgerechnet. „Für Gewalt zahlt ihr einen hohen Preis“, das soll im übertragenen Sinn deutlich werden.

Vornholt setzt außerdem bei dem Rollenverständnis der fast ausnahmslos männlichen Teilnehmer an. Ohne aktuelle Fälle zu verniedlichen, lasse sich Gewalt auch als Abwehr eigener Hilflosigkeit verstehen. „Gefühle, die der Täter nicht haben will, hat plötzlich das Opfer.“

Gegen ein generelles „immer mehr“, „immer schlimmer“ wendet sich Meinolf Müller, Leiter des Kommissariats Vorbeugung. Die Zahl der Körperverletzungsfälle sei rückläufig. andererseits gebe es ein Tendenz zur Enthemmung. Teils alkoholbedingt setzten sich Täter über Grenzen hinweg, die früher unausgesprochen galten: etwa auf ein am Boden liegendes Opfer einzutreten. „Für Prävention ist es in der Pubertät fast schon zu spät“, sagt Müller. Stärker in den Blick genommen werde müsse die Familie als „Keimzelle des Sozialverhaltens“. Die Polizei sehe da nur „das Ende der Fahnenstange“, eben wenn der Jugendliche (erneut) straffällig wurde.

Könnte nach der Gewalttat in München die Bereitschaft zur Zivilcourage sinken? „Durchaus“, antwortet Kay Albring. Meinolf Müller warnt vor Verallgemeinerungen. Zu berücksichtigen seien stets die Einzelumstände der Tat.



14 · 09 · 09





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