Sommerloch-Serie

Piercings: Löcher, die unter die Haut gehen


Harald Jansen durchsticht das Ohrläppchen eines Kunden, um einen Ring platzieren zu können.
Harald Jansen durchsticht das Ohrläppchen eines Kunden, um einen Ring platzieren zu können.
(Foto: Sven Betz)


Bocholt - Mit Löchern im Körper gehen Menschen für gewöhnlich zu einem Arzt. Manche Löcher sind jedoch beabsichtigt und haben einen modischen Grund: Piercings. Was sich die Punker der frühen 80er Jahre von den Urvölkern abgeschaut haben und als wütende Revolution gedacht war, ist heute zum modischen Accessoire geworden.

Das weiß auch Harald Jansen, der selbst ein Piercing- und Tattoostudio in Bocholt betreibt. „Wir wachsen in eine Generation des Verständnisses rein“, erklärt der 49-Jährige. Die kleinen metallenen Schmuckstücke erfreuen sich großer Beliebtheit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Doch auch Erwachsene über 50 Jahre zählt Jansen zu seinen Kunden.


Bevor jedoch ein Piercing gesetzt werden könne, müsse die Haut gründlich gereinigt und desinfiziert werden, erklärt Jansen. Dann werde die Stelle markiert, in die das Piercing nachher gesetzt werden soll. Mit einer sterilen Zange fixiert, steche er nun eine Braunüle - eine Hohlnadel umgeben von einer Plastikkanüle - durch die Haut. Die Hohlnadel werde danach entfernt und der Schmuck durch die Kanüle unter die Haut gezogen. „Das dauert nur ein paar Sekunden“, sagt Jansen. Auf eine Betäubung verzichtet der 49-Jährige dabei. „Eine Betäubungsspritze tut genauso weh wie das Piercing und ist auch nicht gestattet. Eisspray kann falsch angewendet zu Verbrennungen führen“, sagt er.

Jedes Piercing setzt Jansen aber nicht. „Man sollte auch nein sagen können“, sagt der gelernte Altenpfleger. Durch seine medizinische Ausbildung und seine Arbeit in einem Altenheim kennt er die kritischen Stellen. Vor jedem

Stich überprüfe er den Verlauf der Venen und kontrolliere, ob es Nervenbahnen gibt, die er verletzen könnte. Wenn er sich unsicher sei, setze er das Piercing nicht.

Jansen warnt ausdrücklich vor den schwarzen Schafen in der Branche. Manche hätten eine zweitägige Materialeinweisung bekommen und würden sich dann Piercer nennen. „Die entzündeten Piercings vom Strand am Gardasee kann ich dann wieder beheben“, sagt er.

Da es keine anerkannte Ausbildung zu einem Piercer gebe, könne das rein theoretisch jeder machen. Er selbst habe den Schichtdienst im Altenheim im Jahr 2001 nicht mehr schieben können und deshalb eine Tätigkeit gesucht, in dem er das Gelernte anwenden könne. Seine Vorliebe zu Piercings und Tattoos machte er so zum Beruf.

Den ein oder anderen außergewöhnlichen Kunden habe er schon erlebt, obwohl es in Bocholt keine Szene gebe wie in Großstädten. „Ein Kunde hatte schon 23 Piercings und wollte noch drei“, berichtet er. Das käme vor, sei aber nicht die Norm.

Harry Jansen - wie ihn Freunde rufen - trägt die kleinen modischen Löcher an mehreren, unauffälligen Körperstellen. „Der Chirurg muss auch keine Narben zeigen, um operieren zu können“, stellt er schmunzelnd fest.

VON SEBASTIAN SCHMEINK


03 · 08 · 10



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