Bocholt - Löcher in der Geschichtsschreibung gibt es zuhauf. „Wir Historiker bauen Erkenntnisse wie Mosaiksteine zusammen“, sagt Bocholts Stadtarchivar Dr. Hans-Detlef Oppel. „Löcher gibt es überall dort, wo keine Quellen erhalten sind.“ Ein Paradebeispiel aus jüngerer Zeit sei das Dritte Reich. „Beteiligte sagen nichts und Material wurde gewollt vernichtet“, erklärt Oppel.
Der ehemalige Nazi-Oberbürgermeister Franz Rottmann, der nach dem Krieg die FDP mitgründete und deren Vorsitzender war, habe es ihm selbst erzählt. „Er sagte, er sei auf die glorreiche Idee gekommen, die Akten mit dem Schweißbrenner zu vernichten. Auf die glorreiche Idee, sagte er“, wiederholt Oppel und schüttelt sich. Ein halbes Zimmer an Akten habe Rottmann verbrennen lassen. „Auch die 20er Jahre wurden damit ausradiert.“
Hintergrund sei eine Direktive gewesen, bei Feindannäherung alles zu verbrennen, auch Dinge aus der Frühzeit der Nazi-Bewegung. „Die hatten wohl etwas zu verbergen“, sagt Oppel. Laut Rottmann habe man zunächst versucht, die Akten in der Heizungsanlage des alten Rathauses zu verbrennen. „Doch das ging nicht, die Akten kokeln nur, die sind wie Brikett.“ Deshalb habe Rottmann von der „glorreichen“ Schweißbrenner-Idee gesprochen.
Übriggeblieben aus der Nazi-Zeit seien lediglich die Bauakten und Personalakten. Gelegentlich gebe es zudem Zufallsfunde wie die Akte des Synagogenküsters Salomon Seif. Weil er gegen die Demolierung seiner Wohnung durch SA-Männer im März 1933 klagte, habe seine Akte bei Gericht gelegen. „Sie überlebte so die Aktenvernichtung“, sagt Oppel. Fotos vom Rathaus mit der Hakenkreuzfahne und ähnliche Bilder aus Bocholt gebe es freilich. Bei der städtischen Chronik sei hingegen generell große Vorsicht geboten: Die sei bis 1945 vom Bürgermeisteramt geschrieben worden und stelle die Geschichte deshalb immer aus dessen Sicht dar.
Ein Loch sei auch das Fehlen der Lokalzeitungen: Von 1940 bis Januar 1944 und vom April bis September 1944 gebe es im Stadtarchiv keine Ausgabe. Und die vorhandenen Zeitungen aus den Jahren davor seien natürlich auch „Sprachrohr der NSDAP“ gewesen. „Da muss man das Richtige zwischen den Zeilen lesen“, sagt Oppel. Das gelte auch für andere Veröffentlichungen aus der Zeit wie der Fall des Turmhahns von St. Georg zeige. Ein deutscher Flieger habe den Hahn gestreift und sei dann in der Nähe abgestürzt. „Die Zeitung ,Der neue Tag´ schrieb aber, ein scharfer Wind habe den Hahn heruntergeholt“, sagt Oppel. „Jabo Candattan?“ (auf Hochdeutsch: „Ja, wie kann das denn?“) habe der Bocholter Johann Bongert daraufhin in einem ironisch verfassten Gedicht gefragt.
„Löcher in der Geschichtsschreibung kann man versuchen zu flicken“, sagt Oppel. Löcher flicken
„Man muss Ersatzstoffe finden, die man sich beispielsweise durch Vergleiche holt. Manchmal kann man mit Argumenten Löcher schließen.“ So müsse auch die Zeit des Ersten Weltkriegs in Bocholt erforscht werden.
Die Polizei habe damals die Linken „beäugt“ und alles festgehalten. „Auf der anderen Seite gibt es Löcher: Die Sozialdemokraten hatten noch nicht einmal eine Liste ihrer Mitglieder“, berichtet Oppel. Dem „Herrschaftswissen“, der einseitigen Sicht der Obrigkeit, könne nicht die Sicht der „Nicht-Mächtigen“ gegenübergestellt werden. „Das Unten fehlt“, sagt Oppel. Die Geschichte der Politikerin Jeanette Wolff sei inzwischen gut erforscht. „Aber was ist mit den anderen? Was ist mit den Arbeitern und einfachen Bürgen? Wie haben sie damals gelebt?“