Montag, 21.05.2012






Kurz vor dem Abwahlverfahren

Duisburgs Bürgermeister Sauerland gibt Einblicke in sein Seelenleben


„Einfach abtreten, das ist nicht meine Art.“ Adolf Sauerland will weiter im Amt bleiben - auch wenn viele in der Stadt den Duisburger Oberbürgermeister gern los werden würden. Foto:
„Einfach abtreten, das ist nicht meine Art.“ Adolf Sauerland will weiter im Amt bleiben - auch wenn viele in der Stadt den Duisburger Oberbürgermeister gern los werden würden. Foto:
(dpa)


Duisburg - Wie redet man über ein traumatisches Ereignis? Über eine Katastrophe, für die man verantwortlich gemacht wird, an der man sich aber nicht schuldig fühlt? „Dieser Tag im Sommer 2010“ - er sah so lange so hoffnungsvoll aus, der 24. Juli, der Tag der Loveparade in Duisburg. Bis die Situation kippt: „Dann kam die Zeit nach 17 Uhr, und die tragischen Ereignisse nahmen ihren Lauf.“ Zaghaft nähert sich Adolf Sauerland den Erinnerungen an die Tragödie, als im Gedränge der Loveparade-Besucher 21 Menschen starben und 500 verletzt wurden.

Die dramatischen Minuten und Stunden haben das Leben tausender Menschen jäh verändert - auch das von Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland. Ihm schreiben sie die politische Verantwortung zu. Und weil er nicht der Erwartung entspricht und seinen Stuhl räumt, muss er sich jetzt dem zweiten Abwahlverfahren stellen: „Ich kneife nicht“, sagt das 56-jährige Stadtoberhaupt. „Jetzt haben die Duisburger die Möglichkeit, darüber zu befinden.“ Nächsten Sonntag öffnen die Wahllokale.


Natürlich werde er oft gefragt, warum er nicht zurücktritt. Als er kurz nach der Loveparade Morddrohungen erhielt und mit seiner Familie abtauchen musste, hat er dran gedacht. Aber für ihn wäre das Kneifen gewesen. Für Sauerland, dessen Name „auf jedem Briefkopf dieser Verwaltung“ steht, unvorstellbar - erst Recht als die Staatsanwaltschaft gegen elf Mitarbeiter der Stadt Duisburg ermittelt. „Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung hat sich nie vorstellen können, dass gegen sie wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird, weil sie Sondergenehmigungen unterschrieben hat.“ Eigentlich ein alltäglicher Akt. Niemand der Verantwortlichen habe fahrlässig gehandelt. Vor allem habe man darauf geachtet, eine Beinahe-Katastrophe wie bei der Loveparade 2008 in Dortmund unbedingt zu vermeiden, betont der CDU-Oberbürgermeister. Und begründet sein Beharren im Amt: „Dann einen Chef zu haben, der sagt, mir geht es danach nicht schlecht, und dann abtritt, das ist nicht meine Art.“

Viele Duisburger verstehen genau das nicht: Rund 79 000 unterschrieben das Abwahlbegehren gegen Sauerland - mehr als 2009 für ihn gestimmt haben. Dass er sich nach der Loveparade-Tragödie nicht immer richtig verhalten habe, räumt der gebürtige Walsumer ein: „Man erwartet von einem, dass er souverän ist, aber ich war es nicht.“ Denn eigentlich, schildert er sein damaliges Seelenleben, hat er neben sich gestanden: „Da stellen sie einen Menschen dar, der sieht so aus wie sie, aber das sind sie nicht.“ Inzwischen hat er wieder Boden unter den Füßen. Auch weil die Abwahl „eine parteipolitische Dimension bekommen“ habe, betrieben von der SPD. Aber nicht alle Gegner sind so klar greifbar. Gegen Verleumdungen in Internetblogs geht Sauerland juristisch vor.

Dennoch: Er ist das Gesicht der Tragödie. „Wenn ich heute fliege, bräuchte ich eigentlich keinen Ausweis mehr. Das ist sowas von ätzend. Auch im Urlaub werde ich überall erkannt.“ Wie er trotzdem als Oberbürgermeister weiter machen kann, will Sauerland nach dem 12. Februar erklären, einem Tag im Winter 2012.

VON HILMAR RIEMENSCHNEIDER, DÜSSELDORF


03 · 02 · 12





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