Er serviert Buchstabensuppe


Das ist Tom, gespielt von Florian Bender. Er serviert Suppe, Obst und Tee. Und er redet . . .Foto:
Das ist Tom, gespielt von Florian Bender. Er serviert Suppe, Obst und Tee. Und er redet . . .Foto:
(MEYER ORIGINALS)


Münster - „Mit Belästigungen muss gerechnet werden“, steht mahnend auf einem Schild über dem Gang, der zum Magazin des Wolfgang-Borchert-Theaters führt. Gewiss, der Kauz, der die 40 Zuschauer zu Tisch bittet, ist ein bisschen laut und streift schon mal mit dem Finger an ihrer Oberbekleidung entlang. Davon abgesehen jedoch ist dieser Tom ganz liebenswert - vor allem, wenn er mit dem großen Suppentopf anrückt.

Nein, es ist keine normale Theaterpremiere, zu der das Theater am Stadthafen gebeten hat: Es ist alles ein bisschen verrückt. Wie eben auch der von Florian Bender verkörperte Tom, der zum Tag der offenen Tür in „seine“ Anstalt einlädt und dem Publikum, das auf kleinen Hockern an großen Holztischen Platz genommen hat, hübsche Blechteller kredenzt. Und wenn er dann, während er schier unaufhörlich labert, von Tisch zu Tisch tänzelt und aus dem Suppentopf Kelle für Kelle serviert, staunen die Besucher nicht schlecht: Es gibt herrlich heiße Buchstabensuppe!


Etwas Ähnliches bietet auch Tom in seinen Texten: eine Art Wörtersuppe. In dem Monodram, das Jean-Marie Frin nach einer Erzählung Jack Londons schrieb, erzählt dieser Tom zwar ganz verständlich, wie er all den „unheilbaren Sabberern“ das Essen serviert und dass diese „Epileps“ unter der Anfallsucht leiden, während er selbst ein „Deb ersten Ranges“ ist. Aber ganz gerade kriegt er die Sprache nicht auf die Reihe: „Meine Konservation macht Sinn“, behauptet Tom stolz, und wenn er von früheren Erlebnissen erzählt, so war er „nicht auf Ros´n geplättet wie Gott in Frankfurt!“ Tom besitzt eben die „Gabel der Sprache“.

Die Erzählung, vor 20 Jahren im Borchert-Theater als Bühnenstück erstaufgeführt, ist eigentlich nicht theatralisch. Wohl deshalb haben Regisseur Wolfgang Lichtenstein und Ausstatterin Elke König jetzt alles gegeben - und noch ein bisschen mehr. Mittendrin statt nur dabei sind die Zuschauer im grau-schwarz gestrichenen Speisesaal der Anstalt, Tom, der unter anderem vom titelgebenden „K´lein Albert“ (im Original „P´tit Albert“) erzählt, läuft an den Tischen auf und ab, begibt sich dazwischen, kratzt mit der Suppenkelle an der Wand entlang und verteilt später noch Äpfel und schenkt Hagebuttentee aus, was die meisten Zuschauer überaus freudig annehmen.

Das ist, in knapp 90 Minuten, ein höchst origineller und oft witziger, aber auch anstrengender Theaterabend, weil man an den mittleren Tischreihen ständig die Sitzposition wechseln und den Hals recken muss, um genug von Tom mitzukriegen. Und dann zeigt sich eben auch, dass Jack Londons Geschichte nicht so spannend ist wie beispielsweise Edgar Allen Poes „Dr. Teer und Professor Feder“.

Aber Florian Bender als liebenswert-verrückter Wirbelwind Tom ist dabei so furios, dass man ihm auf jeden Fall eine Schwester im Sabberer-Saal gönnt, mit der er „sich heiraten könnt´“.



30 · 09 · 11




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